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Literatur : Wie süß: Benjamin Lebert fährt Interrail

Verwendet gerne sein eigenes Leben: Benjamin Lebert Bild: dpa

In „Crazy“ hat sich Benjamin Lebert an anatomischen Deutlichkeiten entlanggehangelt. Das konnte er sich auch bei seinem Roman „Kannst du“ nicht abgewöhnen. Aber trotz zeitweiliger Handlungsarmut lohnt sich das Buch.

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          Der Klappentext raunt: „Autobiographisch!“ Benjamin Leberts Hauptfigur Tim wird als jemand eingeführt, der sich trotz seines frühen Ruhms als jugendlicher Bestsellerautor einsam fühlt. Mit seinem neuen Roman, der an den Erfolg mit „Crazy“ anknüpfen soll, kommt Tim auch nach wiederholten Aufschüben des Verlages nicht voran - der Druck ist zu groß, die Motivation zu gering. Als sich die Möglichkeit ergibt, mit einer Bekannten eine Interrail-Reise durch Skandinavien zu machen, ergreift er die Flucht aus Berlin in der Hoffnung auf ein bißchen unkomplizierten Sex, Entspannung und Inspiration.

          Julia Bähr
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          Das Sympathische an „Kannst du“ ist, daß Tim all das nicht findet. Statt dessen trifft der selbstverliebteste aller selbstherrlichen Schriftsteller, der sogar aus seinen Versagensängsten eine Pose macht, auf ein Drama in Person seiner Reisebegleitung Tanja: Schien diese in Berlin noch eine für ihre achtzehn Jahre äußerst gefestigte und zielstrebige Person zu sein, so weint sie auf der Reise jede Nacht und begeht zahlreiche Verzweiflungstaten sexueller und selbstverletzender Natur. Der aufmerksamkeitsverwöhnte Tim verabschiedet sich angesichts dieser Probleme zähneknirschend von seinen Vorstellungen und übernimmt nur halbherzig Verantwortung, als das Mädchen seine Hilfe braucht.

          Ein Beischlaf für jeden Gedanken

          Ganz neu ist der Tenor der Geschichte nicht: Wir sind jung, unverstanden, einsam, und wir wissen nicht so recht, wohin mit uns. Auf dieser Einstellung fußen sogar auflagenstarke Jugendmagazine wie „Neon“, das immerhin inzwischen auf die Unterzeile „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“ verzichtet. Genau diesen Spruch möchte man aber für Tim auf ein T-Shirt drucken lassen. Seine Einsamkeit resultiert aus Egoismus und Gefühlsarmut, die von Tanja aus einem Druck, den sie von ihren Eltern übernimmt. Sie können sich nicht gegenseitig helfen, weil sie unterschiedliche Dinge wollen. Das wird klar, als sie schon eine Weile unterwegs sind und das Mädchen plötzlich im Bett erklärt: „Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich Sex verabscheue. Ich empfinde dabei nichts, absolut nichts. Allerhöchstens mal Schmerzen.“

          Das erste Treffen der „Lübecker Gruppe 05”: Lebert steht hinter seinem Idol Grass
          Das erste Treffen der „Lübecker Gruppe 05”: Lebert steht hinter seinem Idol Grass : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Sich an anatomischen Deutlichkeiten entlangzuhangeln, hat sich Lebert seit seinem Durchbruch mit „Crazy“ nicht abgewöhnt. Er läßt seine Hauptfigur immer wieder von Auslandsreisen erzählen, während deren der junge Autor sich im wesentlichen auf die erotische Völkerverständigung konzentriert hat. Das kann die aussagearme Handlung des Romans nicht retten. Dieses Kunststück vollbringt dafür Leberts Schreibvermögen. Die Dialoge sind witzig, die Abschlüsse der Kapitel oft auf authentische Weise lakonisch, die Interaktionen mit Schriftstellerkollegen und Lektorinnen selbstironisch erzählt. Gelegentlich kommt eine leichte Schwäche für Romantik zum Vorschein, als Lebert zum Beispiel die Innenstadt von Malmö beschreibt: „Wenn man auf einen dieser winzigen Pflastersteine trat, war man erstaunt, daß er nicht gleich aufschrie. He! Ich habe gerade so schön gedöst.“

          Vielleicht muß man als junger Autor für jeden niedlich-harmlosen Gedanken mindestens einen Beischlaf beschreiben, um ein Image als Kitschkönig zu vermeiden. Wenn Lebert sich eines Tages von dieser Faustregel lösen kann und eine Geschichte aufschreibt, die sich weniger um sich selbst dreht als diese - dann wird es ihm gelingen, den Erfolg von „Crazy“ zu übertreffen.

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