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Literatur : Lyrik-Gipfeltreffen: Hans Magnus, ich hatte Sehnsucht nach dir

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Trafen sich zur ersten gemeinsamen Lesung seit Jahrzehnten: Die Schriftsteller (l-r) Enzensberger, Grass und Rühmkorf Bild: dpa/dpaweb

Erstmals seit 38 Jahren haben Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger und Peter Rühmkorf wieder zu einer gemeinsamen Lesung eingeladen. Die drei prominenten Autoren blickten dabei auf ihre Lyrik der vergangenen 50 Jahre zurück.

          Was für ein Triumph! Beifallumrauscht stehen die drei alten Herren da auf der Bühne, jeder für sich, jeder mit seinem eigenen großen Applaus. Hans Magnus Enzensberger deutet auf Peter Rühmkorf, links außen, schaut ins Publikum und streckt den Daumen in die Höhe, zeigt dann auf Günter Grass in der Mitte, streckt auch hier den Daumen in die Luft, dann zeigt er schließlich stolz auf sich und wiederholt die Daumengeste: Wir sind groß! Wir alle drei!

          Dann zieht er mit einem Schwung das Sakko aus, steht kurz im blaugepunkteten Hemd so da, macht Front gegen das Publikum, winkt in die Luft, legt den Arm um die Schulter von Günter Grass und hüpft dann wie ein kleiner Junge nach hinten, hinter die Bühne, wo drei Garderobentüren mit drei großen Namensschildern warten: „Grass“. „Rühmkorf“. „Enzensberger“. Die Garderoben der Heiligen Drei Könige der deutschen Literatur, die heute, am Freitag abend, zum ersten Mal seit achtunddreißig Jahren, wieder gemeinsam auf der Bühne standen. Sie haben Lübeck gerockt an diesem Abend. Mit Gedichten. Und sonst nichts.

          Gemeinsamer Rundgang im Günter-Grass-Haus

          Es hatte schon am Nachmittag begonnen, als die drei, von einem Dutzend Fotografen begleitet, ins Günter-Grass-Haus einzogen. Ein kleines, freundliches Giebelhäuschen inmitten der Lübecker Altstadt, mit Günter-Grass-Skulpturen, Günter-Grass-Radierungen, Günter-Grass-Lithographien, einem Günter-Grass-Büro und einem Museums-Shop mit Günter-Grass-Devotionalien. Der Hausherr geht voran, wie immer leicht gebeugt, finster schauend, fast halslos so im braunen Anzug, die Pfeife in der Hand. Am Museums-Shop vorbei, in den schmalen Garten, stellen sie sich vor der riesenhaften Grass-Skulptur „Butt im Griff“ auf, vor der die drei recht klein wirken. Grass hatte die Skulptur erst vor wenigen Jahren als Bücherpokal zum Leipziger Buchmessepreis geschaffen, sie wird aber schon nicht mehr vergeben, wohl weil sie zu schwer gewesen sei. Christa Wolf soll ihren Butt-Pokal angeblich immer noch im Kofferraum herumfahren, weil sie ihn nicht mehr herauskriegt und weil es praktisch ist, bei Glatteis im Winter, wenn ein ordentliches Gewicht hinten auf die Antriebsräder drückt.

          Vor dieser Überskulptur sind sie also zusammengekommen, Peter Rühmkorf, schmal wie ein Böhnchen, mit blauer Schirmmütze auf dem Kopf und unangezündeter Zigarette in der Hand. Er ist noch leicht derangiert, weil er nach der Geburtstagsfeier Harry Rowohlts mit einem Laternenpfahl kollidierte und sich dabei den Kiefer brach. Der wurde ihm jetzt gerade erst wieder zusammengeschraubt. Aber diesen Auftritt wollte er natürlich nicht verpassen. Sie gehen ins Hinterhaus, das eigentliche Museum, in der Mitte steht eine Vitrine mit kleinen schwarzen Skulpturen auf rotem Tuch, die nennen sich „Leichenfeld“. Grass führt Enzensberger - Rühmkorf scheint das alles schon gut zu kennen - stolz von Bild zu Bild, zeigt ihm, wie man bei den Stehpult-Vitrinen unten dran noch Schubladen aufziehen kann, und Enzensberger sagt immer: „Ist ja doll!“ und „Meine Güte“, und Grass sagt: „Ja, meine Güte, sagst du“, und dann gehen sie hinauf zur Pressekonferenz.

          Bei allen Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Grass und Enzensberger auch viele Trennlinien

          Und da sitzen sie, die drei stolzen Herren, die größten lebenden deutschen Dichter, die machtbewußtesten und auch die selbstbegeistertsten. Der treue Freund Rühmkorf hatte eigentlich über all die Jahre, mehr als vierzig Jahre, die sie sich kennen, zu den beiden anderen gestanden. Da gab es, auch bei allen politischen Unterschieden, kaum eine längere Trennung. Bei den beiden anderen war das nicht so. Zu unterschiedlich sind ihre Temperamente, zu selbstverliebt und machtbewußt sind Grass und Enzensberger, um dauerhaft in großer Nähe nebeneinanderstehen zu können und zu wollen. Ihre Sonne wollen sie für sich allein.

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