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Literatur : Einszweidreivier Eckstein, alles muss versteckt sein

Maskenbildnerin mit Neigung zum Versteckspiel: Silvia Bovenschen Bild: Matthias Lüdecke

Die Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Silvia Bovenschen schreibt vom Verschwinden auf absichtsvoll beliebige, doch atemlose und ergreifende Weise. Ein vertracktes Versteckspiel, das sich nicht begreifen lässt.

          4 Min.

          Es beginnt mit einer „Vorbemerkung“, die alles in sich hat. Darin erklärt eine gewisse Daniela Listmann, was jetzt folgen wird: „Das vorliegende Buch versammelt Erzählungen, die ich meinen Freunden abnötigte. Vom Verschwinden sollte in beliebiger Weise die Rede sein. Das war meine Vorgabe.“ Damit verschwindet zugleich das Ich der Daniela Listmann aus ihrem Buch, jedoch nur beinah. Denn zweimal wird sie schon noch selbst erscheinen, einmal davon spät im Buch mit der Parabel über eine gewisse Molly, „einer Geschichte, die ich mir selbst erzähle“; aber dann ist schon fast vergessen, wer da spricht.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Daniela Listmanns Ich geht von nun an ein in die Reden über sie, wie sie ihre Freunde in ihre Geschichten einflechten, und diese Erwähnungen sind nicht nur freundlich, sondern liefern Splitter einer eigensinnigen, auch herrischen Person. Hat sich doch Daniela Listmann in einer „Erklärung“ schriftlich bescheinigen lassen, dass jeder ihrer Freunde ihr seine Geschichte schenkt, die sie aufzeichnet mit ihrem Gerät, und dass sie selbst, als „die Autorin“, dann völlig frei darüber verfügen, sie verwerfen und nach Belieben verändern darf; ein fataler Kontrakt: Wen kümmert's, wer spricht?

          Böse Verdikte, tiefe Kränkungen

          Dem Nachnamen ist ja auf simple Weise das listige Vorgehen eingeschrieben. Das konstatiert in einem „Vorher“, einer Art Vorspiel auf dem Theater, ehe die Erzählungen der anderen überhaupt einsetzen, eine „Bea“ einem „Anton“ gegenüber in arrogant warnender Form. Diese Bea zitiert da Daniela selbst, wie sie „von der fiesen Berechnung der Behinderten spricht“ - von sich nämlich, da sie im Rollstuhl sitzt. Doch Danielas Rache an Beas trivialer Psychologie war zuerst da; Daniela wollte nie eine Geschichte von Bea hören - schlimme Zurückweisung, seit Samuel Beckett sprichwörtlich tiefste Kränkung des Anspruchs, den ein Anderer stellen und erhoffen kann.

          Als Bea sich ihr dennoch aufzudrängen versucht in einem „Erzählversuch“ mit einer Rechenschaft von angeblich „existentieller“ Bedeutung, erteilt ihr Daniela eine eiskalte Abfuhr. Sie schildert das einem „Konrad“ am Telefon, an jener zweiten Stelle eben, für die sie ihr Ich im Buch benötigt: Bea habe sich ihr „narrativ feilgeboten“, sagt sie, ein bitterböses Verdikt, eine Formulierung, die scharfkantig glitzert. Doch von nun an werden die Geschichten der Anderen, der Freunde, das endgültige Verschwinden umzingeln und streicheln, bedauern und feststellen, betrauern und manchmal hinnehmen: Es wird hell, wenn jemand spricht.

          Mutwilliges Satyrspiel

          Unter dem Alias Daniela Listmann also, einer ersten Maske, der ein Dutzend weitere Maskeraden folgen, eröffnet Silvia Bovenschen ihr mutwilliges Satyrspiel auf jene Fundamentalkritik jeglicher Autorschaft, die der Philosoph Michel Foucault 1969 in einem seiner berühmtesten Texte formuliert hat. Sie tut das in einer beiläufigen, gewissermaßen nachlässigen Paraphrase. Die theoretische Untergründung muss ohnehin kein Leser kennen; es reicht, was dieses Stück Literatur da anzettelt. Ein vertracktes Versteckspiel wird inszeniert.

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