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Literatur : Ein Mann schlägt zu

Autor mit Schlagseite: Albert Ostermaier Bild: picture-alliance / dpa

Der Theaterregisseur Albert Ostermaier wandelt die reale Geschichte des französischen Rocksängers Bertrand Cantat, der seine Geliebte Marie Trintignant aus Eifersucht zu Tode prügelte, in eine fiktive Geschichte um. Er tut es mutig, zupackend, schlagfertig. Doch von Liebe ist nicht viel zu spüren.

          3 Min.

          Eine Frau trifft einen Mann. Beide sind sie berühmt und schön und Franzosen, sie ist Schauspielerin, Tochter eines legendären Vaters, er Rockmusiker, seine Gruppe nennt sich Noir Désir. Sie verlieben sich. Er verlässt seine schwangere Frau. Marie und Bertrand, so heißen die beiden, können nicht voneinander lassen. Er reist ihr nach, als sie in Vilnius unter der Regie ihrer Mutter einen Film dreht, der Film hat den Titel „Colette“. Beide trinken viel, und dabei bleibt es nicht. Marie ist überarbeitet, ihr Exfreund ruft sie an. Bertrand wird eifersüchtig, fühlt sich ausgeschlossen. Eines Abends schlägt er Marie tot.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Das war im Sommer 2003. Marie Trintignant lebte noch ein paar Tage, nachdem Bertrand Cantat sie ins Koma geprügelt hatte und dann neben ihr eingeschlafen war. Am 1. August 2003 starb sie. Bertrand Cantat versuchte sich das Leben zu nehmen, was misslang. Er wurde wegen Totschlags verurteilt, saß einige Jahre im Gefängnis und wurde im Oktober 2007 wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Er hat die Tat nie geleugnet, aber immer auch erklärt: Er liebe Marie.

          Der liebende Killer

          Die Öffentlichkeit romantisiert solche Geschichten gern zur amour fou zwischen dem Mädchen und dem maßlos liebenden Killer, und so war es auch in diesem Fall. Doch Marie Trintignant war kein Mädchen, sie war einundvierzig und Mutter von vier Kindern. Und wer ist Bertrand? Führt Leidenschaft zum Verbrechen? Totale Liebe in den Totschlag?

          Albert Ostermaier, der bisher Theaterstücke, Reportagen und Gedichte geschrieben ist, stellt sich diese Fragen in seinem ersten Roman, der „Zephyr“ heißt - so wie ein Pariser Lokal, das für seine Austern bekannt ist, so wie der Westwind, der den Frühling bringt. In der griechischen Mythologie hat Zephyr außerdem mehrere Frauen, darunter die Nymphe Chloris, und aus Eifersucht tötet Zephyr den Hykinthos, den er einmal liebte.

          Nähe und Distanz, beides unerträglich

          „Du riechst nach Chlor, hatte sie gesagt“, das ist einer der ersten Sätze des Romans, gesprochen in einem Haus in Ramatuelle an der Côte d'Azur von Cathy, verheiratet mit Gilles, der über den Fall Marie Trintignant und Bertrand Cantat ein Drehbuch schreiben will. Die Zeitenfolge zeigt uns an, dass der Satz vor einer Weile gefallen ist, tatsächlich liegt Cathy schlafend im Bett und wacht während des ganzen Buchs auch nicht auf. Nur manchmal agiert sie in der Phantasie oder der Erinnerung von Gilles, treibt seine Eifersucht an, lässt ihn über die Liebe sinnieren, über die Nähe zwischen ihnen, die irgendwann unerträglich geworden war, und die Distanz, die nicht zum Aushalten ist.

          Costello, sein bester Freund, rät ihm, mit ihr wegzufahren und auf der Reise die Liebe zu testen und das Drehbuch zu schreiben. Ob beides oder eins von beiden gelingt, ist nicht die Frage. Die Frage ist, ob Gilles dem Geschehen in Vilnius dadurch auf die Spur kommen kann, dass er es nachlebt, in der Phantasie, an der Côte d'Azur, vielleicht auch in der Wirklichkeit.

          Es kommt der Schlag, es fehlt der Schnitt

          Eine Weile lang ist das packend zu lesen. Ostermaier ist ein mutiger Autor, er riskiert seitenlange Assoziationsketten, in denen immer wieder das Wort „schlagen“ oder „Schlag“ variiert werden, wie in Schlaganfall, Schlagseite, vorschlagen, aber auch Hammerklavier. Andere Passagen spielen, nicht immer subtil und manchmal direkt ausgesprochen, mit Szenen aus Filmen oder Genremotiven des Film noir. Einige der kurzen Kapitel lesen sich tatsächlich wie ein Drehbuch, einige sind wie ein französischer Kriminalfilm erzählt, mit einem melancholischen Kommissar, der Sätze sagt wie: „Dauernd bin ich vom Tod umgeben, in seiner ganzen Hässlichkeit und Banalität. Ich will mir den Tod nicht verderben lassen, verstehen Sie.“ Deshalb sammelt er Requien.

          Die Zeiten vermischen sich wie die Gefühle, Filmbilder und Erinnerungen, und Gilles wird immer mehr Bertrand, immer mehr Zephyr, seine Ehe dem Verhältnis Bertrands zu Marie immer ähnlicher. Morde geschehen, und sei's im Traum, das lässt sich so genau nicht sagen, und man wartet auf den großen Schnitt oder Schlag, meinetwegen, mit dem wir zurückgeholt werden in eine Welt, in der Marie tot ist und Bertrand eben nicht. Doch dieser Schnitt kommt nicht.

          Vieles bleibt offen

          Was als Versuch begann, eine tatsächliche Geschichte in ein fiktives Geschehen einzubinden (in dem es um die Erschaffung einer weiteren Fiktion geht), bleibt so eine Anstrengung mit teilweise rasenden Perspektiv- und Szenenwechseln, aber ohne Ergebnis. Das Buch ist da, aber was erzählt es? Von der Liebe wird zwar immer gesprochen, aber wir spüren sie nirgends. Von Bertrand wird auch viel gesprochen und zwar oft so, als sei Marie vielleicht selbst schuld gewesen an ihrem Schicksal - „diese fatale Unschuld ohne Unschuld“. War nicht sie es, die Bertrand verführte? Kann nicht jeder, der so sehr liebt wie Bertrand, so gereizt wird wie er, zum Totschläger werden? Es könne nicht um Schuld gehen, heißt es einmal. Warum eigentlich nicht?

          Am Ende wissen wir eigentlich nichts. Im Romangeschehen bleibt unklar, was Traum ist, was Erinnerung, was Projektion, was geradeheraus Lügen. Wir wissen nicht einmal, wer tot ist. Marie Trintignant ist tot, natürlich, damit fing alles an. Der Rest bleibt im Dunkeln, der Wind schlägt gegen die Fenster, und wahrscheinlich riecht Gilles immer noch nach Chlor.

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