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Literatur : Am Rand ist, wo wir nicht sind

  • -Aktualisiert am

Schmuddelkind der Literatur: Clemens Meyer Bild: ddp

Die Welt des Clemens Meyer ist bevölkert von Arbeitslosen, Boxern, Schlägern und Trinkern. Literaturkritiker finden das manchmal unvornehm, doch in seinem Erzählungsband „Die Nacht, die Lichter“ hält Meyer angenehm unbeirrt an seinem Stil fest.

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          Wenn man behauptet, Clemens Meyer schreibe über Leute „am Rand der Gesellschaft“ - sagt das mehr über den Autor oder mehr über den, der diese Feststellung, die in kaum einer Kritik fehlt, trifft? Sie ist ja so unwahr nicht, und doch hat sie etwas Herablassendes, weil der, der dieses Wort gebraucht, damit voraussetzt, dass er sich woanders befindet. Dankbar registriert man es, wenn sich jemand endlich einmal anderen Milieus zuwendet als denen, in denen man sich selbst bewegt, und wird doch ungnädig, sobald es jemand damit übertreibt.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          So musste es sich Meyer vor anderthalb Jahren beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt gefallen lassen, dass sein Beitrag als „Knastromantik“ und „Unterschichtskasperltheater“ bezeichnet wurde. Street credibility, die er ja reichlich zu bieten hat, ist willkommen, solange sie nicht zu riechen anfängt. So schnell Kritiker mit dem Vorwurf sozialer Irrelevanz bei der Hand sind, so schnell fertigen sie etwas ab, wenn ein Autor sich im Detail auskennt - so genau will man es dann doch nicht wissen, wie viel Leergut Arbeitslose in ihrer Wohnung horten.

          Zu nahe an der „Unterschicht“?

          Die Selbstverständlichkeit, mit der seit geraumer Zeit von Schichten die Rede ist, überrascht und hat auch in die Literaturkritik Einzug gehalten. Die „Welt“ fragte Meyer: „Wie nah sind Sie der Unterschicht?“ Meyer wollte davon nichts wissen und bemühte eine Einsicht, die in der alten Bundesrepublik zum Grundkonsens gehörte: „Es gibt sie nicht, die Unterschicht, es gibt Teile der Gesellschaft, die sich im sozialen Abseits befinden, aber auch hier gibt es feine Unterschiede.“

          Dass diese feinen Unterschiede innerhalb der weniger feinen Gesellschaft erstklassigen Stoff für Literatur abgeben, zeigen Meyers jüngste Erzählungen, unter denen sich auch die in Klagenfurt durchgefallene befindet; sie heißt „Reise zum Fluss“ und ist unter den insgesamt fünfzehn sicher nicht die stärkste. Die Geschichten haben alle kein richtiges Ende, sie laufen einfach aus, so, wie das Leben selbst meistens auch bloß ausläuft; etwa das des alten Witwers, der auf seinem abgewirtschafteten Hof zurückgeblieben ist und sich, fast wie Werther, eine Pistole borgt, aber nicht, um sich, sondern um seinen kranken Hund zu erschießen (“Der alte Mann begräbt seine Tiere“).

          Kunstloser, teilnehmender Stil

          Um einen Hund geht es auch in der vielleicht besten Erzählung: Piet, der Dobermann-Rottweiler-Mischling, braucht dringend eine Operation, aber sein Herrchen kann sie nicht bezahlen, und so muss Rolf einen zweifelhaften Kontakt aufwärmen und gewinnt schließlich beim Pferderennen das nötige Geld; aber als er damit von der Rennbahn mehr als erleichtert nach Hause läuft, tauchen hinter ihm „drei Männer“ auf (“Von Hunden und Pferden“). Was dann passiert, erzählt Meyer nicht mehr; er konzentriert sich lieber darauf, uns vorher dermaßen bei der Stange zu halten, dass wir bei dieser traurigen Geschichte mitfühlen und -zittern. Solche Wirkung ist selten geworden und verdankt sich in diesem Fall wohl dem angenehm kunstlosen Stil, der sich jede sozialpolitische oder psychologische Erörterung versagt und es auf etwas abgesehen hat, was man im achtzehnten Jahrhundert „Teilnahme“ nannte.

          Das Leben ist Drama genug

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