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Lionel Shriver: „Dieses Leben, das wir haben“ : Das Paradies wartet nicht

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Lionel Shriver hat einen furios ehrlichen, fesselnden und tröstlichen Roman über ein Thema geschrieben, dem keiner entkommt: Krebs. Noch kein Autor hat sich der Krankheit so furchtlos gestellt.

          6 Min.

          Mit Krebs wird heute jeder irgendwann konfrontiert, wenn nicht als Betroffener, dann als Angehöriger oder Freund. Zugleich ist die Krankheit in einer Zeit, da praktisch alles im Licht der Internet-Öffentlichkeit stattfindet, eines der letzten privaten Ereignisse. Sie offenbart die Scheu und Unsicherheit einer Zivilisation, „die nach strenger Etikette im Dezember Grußkarten versendet und die Gabel links neben den Teller legt - aber wenn die eigene Ehefrau unters Messer kommt, ist jeder auf sich gestellt“. Während sich die zeitgenössische Literatur der Demenz, dem anderen großen Leiden unserer Zeit, bereits in so unterschiedlichen Werken zugewandt hat wie „Small World“ von Martin Suter, Jonathan Franzens „Korrekturen“ und aktuell Arno Geigers zärtlichem Vaterbuch „Der alte König in seinem Exil“, waren die Krebserzählungen bisher vor allem autobiographisch, wie Christoph Schlingensiefs Tagebuch oder „Der Tod meiner Mutter“ von Georg Diez. Trotz kleinerer Überraschungserfolge von Romanen wie „Glückliche Ehe“ von Rafael Yglesias und „Das Zimmer“ von Helen Garner blieb es bisher vor allem amerikanischen Fernsehserien wie „Breaking Bad“ oder „The Big C“ überlassen, das Thema weniger in seiner medizinischen als emotionalen und finanziellen Komplexität zu beleuchten.

          Jetzt erscheint ein Roman, der keinem Aspekt der Krankheit ausweicht und dessen Lektüre dennoch seltsam glücklich macht. „So Much for That“ heißt Lionel Shrivers Roman lakonisch im englischen Original. Da „So viel dazu“ ihrem deutschen Verlag offenbar nicht gefühlig genug war, hat er das Werk dramatisch „Dieses Leben, das wir haben“ getauft und ihm überdies einen Umschlag verpasst, der bestenfalls seichten Kitsch erwarten lässt. Man sollte sich von dieser Aufmachung nicht täuschen lassen. Zwar handelt alle große Literatur vom Tod - aber noch kein Buch so wie dieses.

          Die verschiedenen Arten der Anteilnahme

          Lionel Shrivers Romane waren noch nie etwas für Eskapisten, die lesend die Realität möglichst weit hinter sich lassen möchten. Die dreiundfünfzigjährige Amerikanerin, die seit langem mit Unterbrechungen in Großbritannien lebt und sich beim Treffen in ihrem Londoner Haus mit angenehm tiefer Stimme und amerikanischem Akzent als „committed expat“, als überzeugte Auswanderin, bezeichnet, schreibt seit dreißig Jahren Romane. Herumgesprochen hat sich das allerdings erst, als vor sechs Jahren ihr beinharter, kluger und unbequemer Roman „Wir müssen über Kevin reden“ über einen jugendlichen Amokläufer und seine Familie eine internationale Leserschaft aufschreckte. Es folgte „Liebespaarungen“, ein nicht ganz so überzeugender, aber von der gedanklichen Anlage her ebenfalls brisanter Roman über die Schicksalsfragen jeglicher Partnerwahl.

          „Dieses Leben, das wir haben“ ist nicht nur Lionel Shrivers bisher gelungenstes Buch. Es ist ein Roman, der zentrale Fragen stellt nach dem - durchaus auch materiellen - Wert des Lebens, nach der Belastbarkeit von Bindungen und der Haltbarkeit von Charakter. Er fragt, welches Gewicht der Traum von einem anderen Leben besitzt, ob ein guter Tod nicht ebenso existentiell ist wie ein gutes Leben und ob Sterbende mehr davon verstehen, ob man über den Tod reden muss und ob wohl genug Gott in der Hand steckt, die unsere hält. Seine großen Themen verhandelt der Roman pragmatisch, auf sachlicher, sinnlicher, unmittelbarer Ebene. Lionel Shriver schildert die körperlichen Folgen der Krankheit, die Wirkung und Nebenwirkung von Medikamenten und Therapien, wie unterschiedlich Familie und Freunde mit dem Kranken umgehen und umgekehrt der Kranke mit ihnen. Die verschiedenen Arten der Anteilnahme, ob echt, bemüht oder geheuchelt, werden geradezu genüsslich durchdekliniert. Es sind die vermeintlich kleinen, beiläufigen Beobachtungen, die bei Shriver eine eigene Wucht entfalten. Zum Beispiel, dass schon das Wissen, dass man niemanden beschützen kann, anstrengend ist: „Wer hätte gedacht, dass etwas, das man nicht tun konnte und deshalb auch nicht tat, überhaupt Energie kosten konnte? Aber genau so war es.“

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