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Linus Reichlin: Das Leuchten in der Ferne : Nicht zu wissen, was als nächstes passiert

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Das ist große Literatur, und auch noch spannend erzählt: Linus Reichlins Roman „Das Leuchten in der Ferne“ über die wilde Welt der Mudschahedin rückt Afghanistan in neues Licht.

          3 Min.

          Die deutsche Präsenz am Hindukusch sorgt für einen gleichmäßigen Nachrichtenstrom, der nur bei Attentaten oder Opfern unter Bundeswehrsoldaten Wellen schlägt und über die Ufer tritt. Die Verlautbarungen des Auswärtigen Amtes, des Verteidigungsministeriums oder der Agenturen sind dann stets um Nüchternheit, Sachlichkeit und Objektivität bemüht. Reportagen von Kriegsberichterstattern hingegen sind Nahaufnahmen - exemplarisch, subjektiv, manchmal verstörend konkret. Kaum jemand wird bezweifeln, dass sie in Krisengebieten eine wichtige Aufgabe bei der Beschaffung und Überprüfung von Informationen erfüllen. Doch was geht in solchen Leuten vor, die weit ins feindliche Terrain vordringen, Stimmen und Bilder vor Ort einholen und offiziellen Berichten mutig entgegenstellen - die für eine Geschichte letztlich ihr Leben riskieren?

          Linus Reichlins Roman „Das Leuchten in der Ferne“ bietet einen Einblick in diese besonders rauhe, entbehrungsreiche und riskante Sparte des Journalismus. Reichlin dokumentiert nicht, sondern erzählt. Er kleidet sorgfältig recherchiertes Material in eine fiktive Geschichte, die gerade deshalb der Wirklichkeit ein Stück näher rückt, weil sie diese an äußerer Schlüssigkeit, innerer Stimmigkeit und poetischer Unausweichlichkeit noch übertrifft. Es gibt wenig Literatur, die bestechender den Satz des Aristoteles beweisen könnte, dass Poesie der Geschichtsschreibung überlegen sei, da sie das Besondere ins Allgemeine aufhebe. Zudem können nur wenige Bücher es an Spannung mit diesem aufnehmen.

          Moritz Martens war als Kriegsreporter schon fast überall - Ruanda, Irak, Bosnien, Kolumbien, Afghanistan. Inzwischen ist er über  fünfzig, als Gourmet und Weinliebhaber etwas fülliger und als Journalist gerade nicht mehr so gefragt. Durch einen Zufall gerät er in Berlin an eine alleinerziehende Frau mit afghanischem Vater und deutsch-jüdischer Mutter, die ihm eine sensationelle Geschichte anbietet: Sie wisse von einer Bacha Posh, also einem Mädchen im Gewand eines Jungen, die sich unentdeckt unter die Taliban gemischt habe. Nur so könne sie die bis zur Pubertät tolerierte Verkleidung beibehalten. Die Entdeckung ihrer wahren Identität würde den Tod bedeuten - in einer Gesellschaft, in der Männer alles und Frauen weniger als nichts zählen. Die Geschichte stimmt, doch die für eine Reportage geforderte Summe von zehntausend Dollar soll nicht einem Freikauf der Bacha Posh, sondern einem anderen Zweck dienen.

          Miriam Khalili, so heißt die junge Berlinerin, gibt sich nur zum Schein als Fotografin aus und setzt auch sonst alle Reize ein, um Moritz Martens und seine Zeitung für die gemeinsame Reportage in den afghanischen Bergen zu gewinnen. Dass mit ihr manches nicht stimmt, wird bereits auf dem Flug nach Mazar-i Sharif und endgültig im Bundeswehrlager Feisabad deutlich. Doch Martens steckt eine Lüge nach der anderen weg, weil er sich zunehmend heftig in diese Frau verliebt; vor allem aber wegen des drängenden Verlangens nach erneuter „Auswilderung“, nach dem leitmotivisch wiederholten Reiz, „nicht zu wissen, was als Nächstes passiert“. Dieser Mann ist ein professioneller Abenteurer, nicht tollkühn, aber ständig auf der Suche nach Unvorhersehbarem. Er flieht die Gewöhnlichkeit, unterhält zu Hause keine Beziehung von übertriebener Verbindlichkeit, ist - ohne falsche Romantik - von faszinierter Neugierde für die archaische Gesetzeskultur der Paschtunen erfüllt.

          Reich an existentiellen Dilemmata

          Diesen Moritz Martens verwickelt Miriam in eine ebenso schwierige wie bizarre Geiselbefreiung: Ihr getrennt lebender früherer Mann Evren wurde verschleppt, als er Miriams verstorbenen Vater, der nicht bei seiner Frau auf dem jüdischen Friedhof in Berlin beerdigt werden konnte, in dessen afghanischen Heimatort überführte. Der Vater hatte einst seinen eigenen Bruder für die Vergewaltigung seiner ersten Frau getötet und war nach Deutschland geflohen. Sein erster Sohn, Miriams Halbbruder und inzwischen Talib, nimmt Evren gefangen und verstößt damit gegen die Gastfreundschaft, das höchste Stammesgesetz der Paschtunen, und die Familienehre. Miriam wiederum will Evren freikaufen, nicht aus Liebe, sondern um ihrem eigenen Sohn den Vater zurückzugeben.

          Dass bei der fast scheiternden Aktion ausgerechnet Martens zurückgelassen wird, der völlig unbeteiligt an dieser verflochtenen Familientragödie und gerade deshalb des Verrats verdächtig ist, dann monatelang bis zum Brechen aller physischen und psychischen Kräfte von den Taliban durch die Berge getrieben wird, gehört zu den paradoxen Höhepunkten dieses an existentiellen Dilemmata reichen Buches.

          Wo Zuschauer zu Mitschuldigen werden

          Für die atemlos vorwärts strebende Spannung sorgt nicht nur die präzis kalkulierte Geschichte, sondern die Erzählweise. Von den ersten Seiten an wechseln beständig innere und äußere Perspektive. Der Leser geht mit Martens durch eine Hölle aus Hunger und Kälte, Gedanken und Gefühlen. Er begreift hautnah die richtige Einsicht, dass es „keinen unbeteiligten Beobachter“ geben kann.

          Dass selbst die aufgedrängte Zeugenschaft an einer Steinigung kein Zufall oder bloßes Schicksal ist, sondern dass der Zuschauer in seiner noch so machtlosen Position zu einer Art Mitschuldigem wird. Es sind genau solche Passagen, die eine Reflexion über die geschilderte Wirklichkeit hinaus ermöglichen. Passagen, die dieses Buch zu einem Stück großer Literatur machen und die einem noch lange nachgehen. Was hier erzählt wird, kann man so schnell nicht wieder vergessen.

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