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Linn Ullmanns Roman : In Traumsystemen

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Gespräche zwischen Vater und Tochter: Liv und Linn Ullmann, Ingmar Bergman im Jahr 1972. Bild: Bo-Erik Gyberg/CAMERA PRESS/laif

Was ist das für ein Roman? Linn Ullmann erzählt in „Die Unruhigen“ von ihrem Vater Ingmar Bergman.

          Letzte Fragen an greise Väter, die kniffligen Fragen über das Leben, die Liebe, das Verhältnis zu einem etwaigen Gott sind eine Sache für sich. Man weiß nicht, wann man sie stellen darf und ob man sie überhaupt stellen sollte. Man schiebt sie auf. Und dann ist es womöglich zu spät.

          Bei der norwegischen Schriftstellerin Linn Ullmann und ihrem Vater beruhte das Bedürfnis, über große Fragen zu reden, auf Gegenseitigkeit. „Er sagte“, heißt es in Linn Ullmanns Roman „Die Unruhigen“ über ihren damals siebenundachtzigjährigen Herrn Papa, „dass Dinge fort waren. Er sagte, dass die Worte verschwanden. Wäre er jünger gewesen, hätte er ein Buch darüber geschrieben, alt zu werden. Doch jetzt, da er alt war, schaffte er das nicht.“

          Damals entstand die Idee zu einem gemeinsamen Werk, ohne dass sich rekonstruieren lässt, ob sie stärker von ihr ausging oder von ihm. Vielleicht ein Interviewband? Vater und Tochter begannen zu planen, zwei weitere Jahre gingen ins Land; in dieser Familie werden Pläne auf pedantische Weise geschmiedet, die beispiellos ist. Ende Juli 2007 schließlich, kurz nach ersten Aufnahmen mit einem Diktiergerät, ging die Meldung vom Tod des Vaters um die Welt. „Mit Ingmar Bergman“, schrieb diese Zeitung über den verstorbenen Regisseur, „entschwindet eine ganze Epoche des europäischen Kinos ins Dämmerlicht der Legende.“

          „Hoch Geliebte Jüngste Tochter!“

          Das Projekt von Tochter und Vater: unvollendet. Das Material: kaum zu gebrauchen. Linn Ullmann ertrug es nicht einmal, die mehrere Stunden umfassenden Mitschnitte durchzuhören, die auf dem Diktiergerät waren. Allein die Tonqualität! Bergman hätte gesagt, dachte die Autorin, die 1966 das Ergebnis einer Liebe zwischen dem Regisseur und seiner Schauspielerin Liv Ullmann war: „Das müssen wir noch einmal machen.“ Eine Wiederholung dieser Szenen war aber nicht drin.

          Jahre später drückte Linn Ullmann den „Play“-Knopf noch einmal, und diesmal hörte sie die Aufnahmen bis zum Ende an. Für sie und uns ist das schön. Denn sie schrieb nun ein poetisches, streng aus ihrer Warte verfasstes persönliches Buch über ihre Eltern und insbesondere Bergman: „Die Unruhigen“, ausgewiesen als Roman.

          Der Schwede und die Norwegerin Liv Ullmann waren nur fünf Jahre lang zusammen.

          Für die Film- und Theaterwelt ist Bergman ein mit seinen Dämonen ringender „Meister“. Für Ullmann war er zuvorderst der geliebte Vater, und diese Perspektive versucht sie sich zu erhalten. Mag sein: ein abwesender Vater. Der Schwede und die Norwegerin Liv Ullmann waren nur fünf Jahre lang zusammen, danach wuchs Linn bei der Mutter auf, die sie auch nach Amerika mitnahm.

          Ihren Vater erlebte sie vor allem in den Sommerferien, die sie bei ihm auf der Ostseeinsel Fårö verbrachte. Der auch dort unentwegt an Film- und Theaterideen arbeitende Bergman begrüßte die Tochter mit einem liebevollen Willkommenszettel auf dem Tisch („Hoch Geliebte Jüngste Tochter!“), las ihr abends vor, ließ sie in seinem Privatkino einen Film nach dem anderen mitansehen, darunter Stummfilme, zu denen er sagte: „Das ist deine Ausbildung. Sieh hin und lerne.“ Selbst 2006 traf man sich noch im Kino, zur gewohnten, pünktlichst einzuhaltenden Uhrzeit. Und wie ein Arbeitstermin vereinbart wurde auch die Uhrzeit einer „Sitzung“, bei der der Vater das Mädchen fragen wollte, wie es ihr ging: „Wollen du und ich morgen eine kleine Sitzung abhalten, sagen wir so gegen elf, wenn es dir passt?“ Die Gespräche des Jahres 2007, die „Sitzungen“ mit dem betagten Bergman, waren eine Art Wiederholung dieser Situation aus der Kindheit. Nur dass es nun die Tochter war, die ihrem Vater die Fragen stellte – nach seinen Träumen zum Beispiel.

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