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: Liebesleid

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Das Empyreum ist in der antiken Philosophie der oberste Himmel. Für Nadine Gordimer ist es das Nirgendwo, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig bestehen, der richtige Ort also, um mit geliebten Toten weiter zu kommunizieren. "Von den Toten träumen" heißt eine Erzählung in ihrem neuen Buch. Aber träumen ist hier viel zu vage.

          Das Empyreum ist in der antiken Philosophie der oberste Himmel. Für Nadine Gordimer ist es das Nirgendwo, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig bestehen, der richtige Ort also, um mit geliebten Toten weiter zu kommunizieren. "Von den Toten träumen" heißt eine Erzählung in ihrem neuen Buch. Aber träumen ist hier viel zu vage. Nadine Gordimer trifft drei berühmte verstorbene Weggefährten in einem chinesischen Restaurant und, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, setzt sie dort die vertrauten Gespräche über politische Ereignisse wie über Persönliches mit ihnen fort. Als Erster kommt der Palästinenser Edward Said, der mit seinen Hauptwerken "Orientalismus" und "Der dritte Weg", was den Nahost-Konflikt betrifft, so aktuell ist wie zu Lebzeiten. Der englische Publizist und Freund Anthony Sampson, Kolumnist des "Observer", erscheint als Nächster, der sich wie früher mit den aktuellen politischen Problemen befasst. Doch dann tritt Susan Sontag auf und übertrifft die drei Freunde mit ihrer intellektuellen Brillanz und ihrer leidenschaftlichen Rhetorik. Die vier unterhalten sich im Parlando der Eingeweihten über Gott und die Welt, über Huntingtons "Kampf der Kulturen" wie über das eigene unvollendete Werk und - ironisch distanziert - auch über die Ölkrise. "Wie sollen wir ohne sie auskommen?", klagt Nadine Gordimer beim Abschied der herbeigeträumten Gäste.

          Dass die Nobelpreisträgerin für Literatur auch eine politische Schriftstellerin ist und von Anfang an eine Gegnerin der Apartheid war, beweist sie aufs Neue in dieser und in anderen Erzählungen, die zu ihren zweihundert bereits veröffentlichten hinzukommen. Die heutige Lage in Südafrika fasst sie in einem Satz zusammen: "Früher gab es Schwarze, die weiß sein wollten. Jetzt gibt es Weiße, die schwarz sein wollen. Es ist dasselbe Geheimnis." Der Satz steht in der Titelgeschichte "Beethoven war ein Sechzehntel schwarz". Ein Diamantenhändler aus London sucht vergeblich in einem Township nach Verwandten mit Honighaut, Abkömmlinge seines englischen Urgroßvaters. Dessen Abbild im ovalen Rahmen lässt vermuten, dass er die Schönheit junger Afrikanerinnen während der monatelangen Abwesenheit von seiner Ehefrau ohne Skrupel nicht nur von ferne genoss.

          "Die Formen des Erzählens sind willkürlich", schreibt Nadine Gordimer in "Alternative Schlüsse", dem kürzesten der neuen Texte. "Ich habe sie hier", fährt sie fort, "für mich selbst, mal ausprobiert." So überrascht sie uns auch mit verspielten Variationen ihrer Kunst. Dazu gehört der Monolog eines Bandwurms, der seinen Wirt mit einem Wort verlässt, das sonst nicht zum Wortschatz der Autorin gehört. Ebenso vergnüglich ist die Begegnung mit einer Kakerlake names Gregor frei nach Kafka, aber auch das Porträt einer Großmutter, die ihren Berliner Salon mit Künstler- und Politikerprominenz auch in Südafrika eröffnet.

          Die letzten drei Geschichten kreisen um das große Thema "gescheiterte Liebe". Mit großer Behutsamkeit und herzzerreißender Trauer versteht es Nadine Gordimer, davon zu erzählen. Die Sammlung ist ihrem verstorbenen Mann, dem aus Berlin emigrierten Kunstsammler Reinhold Cassirer, gewidmet. Sie war fast fünfzig Jahre mit ihm verheiratet. In Malte Friedrich hat die Autorin einen hervorragenden Übersetzer gefunden.

          MARIA FRISÉ

          Nadine Gordimer: "Beethoven war ein Sechzehntel schwarz". Erzählungen. Aus dem Englischen übersetzt von Malte Friedrich. Berlin Verlag, Berlin 2008. 173 S., geb., 19,90 [Euro].

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