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„Pfaueninsel“ von Thomas Hettche : Liebesexplosionen vor preußischer Kulisse

Das Zwergen-Geschwisterpaar, dessen Nachname hier „Strakon“, und der Südsee-Insulaner, der historisch korrekt „Maitey“ geschrieben ist, bilden auch die Besetzung der Szene, in der die Handlung des Buches kulminiert. Und noch eine vierte Person ist dabei: Gustav Fintelmann, der Neffe des amtierenden Hofgärtners, der Jüngling, in den sich die Zwergin Marie verliebt hat und von dem sie ein Kind erwartet. Gustav aber fühlt sich heimlich zu Christian hingezogen, den wiederum mit seiner Schwester ein inzestuöses Verhältnis verbindet. Das Liebesdreieck explodiert, als die Mätresse des preußischen Königs, die Fürstin Liegnitz, im Palmenhaus ein Gelage veranstaltet, bei dem die Bewohner der Insel die farbenprächtig kostümierte Statisterie abgeben sollen. Christian, in Jahren der Abgeschiedenheit erotisch verwildert, nutzt den Anlass zu einer obszönen Tanzeinlage, es kommt zum Eklat, am Ende liegt der Tänzer in seinem Blut.

Zu schlau für einen historischen Roman

Seltsam nur, dass dieser so sorgsam vorbereitete und inszenierte Moment so wenig dramatische Wirkung entfaltet. Das liegt nicht am Stilisten Hettche, der hier, wie überall in dem Buch, auf der Höhe seines Könnens ist. Es liegt an der Schwäche einer einzigen Figur, ebenjenes Gehilfen und späteren Hofgärtners Gustav, dessen Leben, anders als das des Zwergenpaars Marie und Christian, historisch aufs beste belegt ist. Es gibt Aufsätze, Artikel und Handbücher aus der Feder Fintelmanns, der ein Pionier der Blattpflanzenmode des neunzehnten Jahrhunderts war, und Hettche zitiert daraus, wo immer es passt

Vielleicht hat ihn diese Fülle der Originalzeugnisse daran gehindert, den blonden Gärtner endgültig zu seinem Geschöpf zu machen. Er bleibt ein Schattengewächs, ein Biedermeier-Schemen, dessen sexuelle Skrupel dem Autor Gelegenheit zu erlesenen Reflexionen bieten: „Scham bedeutet, außerhalb seiner selbst zu sein, im absoluten Licht, das vom Blick des anderen ausgeht.“ Da spricht der Essayist Hettche, der Übersetzer Pietro Aretinos und Poetikdozent. Der Geschichte, die er erzählt, bringt diese Klugheit nichts.

„Pfaueninsel“ von Thomas Hettche
„Pfaueninsel“ von Thomas Hettche : Bild: Kiepenheuer & Witsch

Im Übrigen aber ist Hettche ein vorbildlich informierter und diskreter Cicerone zu den Sehenswürdigkeiten der Pfaueninsel, deren Auf und Ab er mit den Augen Maries betrachtet, der Zwergin, die durch ihr Unglück tragische Größe erlangt. Sie sieht die Monarchen kommen und gehen, die Maler, die Architekten, die Tiere, die Gärtner und ihre Pflanzen, und der Erzähler vergisst auch nicht, ihr immer wieder jenes Wort ins Gedächtnis zu rufen, das die frühverstorbene Königin Luise ihrem Bruder Christian einst in einer Schrecksekunde an den Kopf geworfen hat: „Monster!“ Ein Monster, das ist irgendwie auch die ganze Pfaueninsel mit ihrer überquellenden Menagerie, die zum Grundstock des heutigen Berliner Zoos wurde, und ihrem aus den Nähten platzenden Palmenhaus, und womöglich würde einem diese Monstrosität noch näher kommen, wenn das Buch selbst nicht so unglaublich aufgeräumt, so wohlsortiert und -temperiert wäre wie ein Museumsschloss der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten.

Historische Romane haben ihre Tücken. Die meisten sind zu dumm. Dieser hier ist um einen Hauch zu klug. Macht nichts. Man liest seine Abschweifungen zu Darwin und Hegel mit Gewinn, und wenn die Handlung stockt, trösten einen die Bonmots des Erzählers: „Wir sagen: Die Zeit vergeht. Dabei sind wir es, die verschwinden.“ So ist es.

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