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: Liebesdrang nach Osten

  • Aktualisiert am

Fast jedes Jahr ein neues Buch, reichlich Kritikerlob, dazu unzählige Auszeichnungen und Stipendien: ein solcher Schriftsteller sollte eigentlich in aller Munde sein. Doch Michael Zeller betreibt seit Jahren ein literarisches Einzelgängertum. Auf Buchmessen ist er ebenso selten anzutreffen wie auf ...

          Fast jedes Jahr ein neues Buch, reichlich Kritikerlob, dazu unzählige Auszeichnungen und Stipendien: ein solcher Schriftsteller sollte eigentlich in aller Munde sein. Doch Michael Zeller betreibt seit Jahren ein literarisches Einzelgängertum. Auf Buchmessen ist er ebenso selten anzutreffen wie auf Podien. Offiziell hat er seinen Wohnsitz in Wuppertal, in Wirklichkeit aber führt er ein Wanderleben, ständig auf der Suche nach neuen Motiven, Eindrücken, Begegnungen. Seit der politischen Wende von 1989 hat der permanent Nichtseßhafte eine neue Faszination: den europäischen Osten. Die Tatsache, daß, wie er es formuliert, "die Westfixierung gebrochen ist", empfindet er als einen großen Glücksfall. Nach jeder Reise legt er ein literarisches Zeugnis vor. Insbesondere gilt dies für das Nachbarland Polen, das für Zeller in den letzten Jahren zu einer neuen, dauerhaften Inspirationsquelle geworden ist.

          Die "Reise nach Samosch" ist ein Buch, das, dem Titel zum Trotz, von dem Genre des Reiseromans weit entfernt ist. Es handelt sich hier vielmehr um eine Reise in die Vergangenheit, in der eine Laune der Geschichte manchen Traum unerfüllt und manche Beziehung unmöglich gemacht hat. Zeller erzählt es am Schicksal dreier Generationen einer deutschen Familie: Ihre Geschichte, durch die sich leitmotivisch, als ein weißroter Faden gewissermaßen, die Berührung mit Polen zieht, beginnt während des Zweiten Weltkriegs, endet in der Gegenwart und handelt von folgenschweren Begegnungen, chancenlosen Verbindungen und vererbten künstlerischen Talenten.

          Die Handlung spielt ebenso in einigen Städten der deutschen Provinz wie in Frankfurt, Krakau und New York. Nur im titelgebenden "Samosch" (wie hier die ostpolnische Stadt Zamosc heißt) spielt sie bezeichnenderweise nicht. Mit gutem Grund: Der Ort, der im Roman für die Feindschaft beider Völker, der Deutschen und der Polen, steht - dort war während des Zweiten Weltkriegs der älteste Protagonist, Hellmut Anschütz, stationiert -, ist vielmehr ein Symbol der Sehnsucht nach einem Zustand, der in der Sprache der Väter noch pathetisch "Versöhnung" hieß, während die Söhne ihn schlicht als "Neuanfang" bezeichnen und sein Eintreten entsprechend unaufgeregt herbeiführen: Sebastian Anschütz, der jüngste Sprößling der Familie, macht sich auf den Weg nach Samosch, statt jedoch dort anzukommen, findet er unterwegs seine eigene, durch eine polnische Studentin reizvoll personifizierte Gegenwart.

          Um all das zu erzählen, hat Michael Zeller seinem Roman eine klare Form gegeben: Das Buch ist ausschließlich als Ich-Monolog angelegt, wobei in jedem der fünf Teile eine andere Figur das Wort ergreift (neben den drei Familienmitgliedern sind es Erika, Hellmuts Jugendliebe, und KaDeWe, ein exzentrischer Galerist und Freund der Familie). Mit den fünf Kapiteln, von Erikas Kriegstagebuch bis zum Monolog des jungen Sebastian Anschütz, liefert er fünf sprachlich stark differenzierte Texte, in deren jeweiligem Stil sich eine bestimmte Epoche widerspiegelt. Erika schwankt zwischen Exaltiertheit ("Das Leben rief mich, das bunte, bewegte, vielfältige. Oh, ich spürte mein unruhiges Blut, meine Unrast wieder . . .") und dem Pathos der Kriegsgeneration ("Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen!"), Sebastian dagegen berichtet selbst von der ersten Begegnung mit seiner großen Liebe in der sachlich-coolen Art heutiger Jugendlicher: "Ein Hammer vor den Kopf, als ich sie seh. Hat mich durchgeschüttelt bis auf die Schuhsohlen."

          Schon immer war die Geschichte für Zeller wichtigste Inspirationsquelle; Rekonstruktionen des Vergangenen ließ er gern in die Gegenwartshandlung hineinwirken. Das tat er auch in seinen bisherigen "polnischen" Büchern, dem Roman "Café Europa" (1994) und dem Erzählband "Noch ein Glas mit Pan Tadeusz" (2000). Er hat auch darin schon meisterlich beobachtete, prägnante Bestandsaufnahmen der polnischen Realität und exakte Protokolle menschlicher Begegnungen geliefert. In "Reise nach Samosch" jedoch hat er seinen Stil zur Perfektion entwickelt. Es wirkt fast, als hätte er die beiden genannten Bücher als Fingerübungen gebraucht, um zu diesem reifen Umgang mit dem Thema, dieser harmonischen Erzählweise, dieser präzisen Sprache zu finden - und so sein wohl bisher bestes Buch zu schreiben.

          MARTA KIJOWSKA

          Michael Zeller: "Die Reise nach Samosch". Roman. Ars Vivendi Verlag, Cadolzburg 2003. 257 S., geb., 17,90 [Euro].

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