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: Liebe ist Trumpf

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Musik macht für Liebe empfänglich, sagt Stendhal. Lyrik aber auch, muss man hinzufügen. Hanna Leybrand, ausgebildete Opernsängerin, beweist es mit ihren Gedichten. Selbst hochangesehene Verlage gehen dazu über, hinter die Verkaufsaussichten das Risiko literarischer Experimente zurückzustellen und ihre Produktions- und Werbeschwerpunkte ganz auf das Leitbild "Bestseller" zu verlagern.

          Musik macht für Liebe empfänglich, sagt Stendhal. Lyrik aber auch, muss man hinzufügen. Hanna Leybrand, ausgebildete Opernsängerin, beweist es mit ihren Gedichten. Selbst hochangesehene Verlage gehen dazu über, hinter die Verkaufsaussichten das Risiko literarischer Experimente zurückzustellen und ihre Produktions- und Werbeschwerpunkte ganz auf das Leitbild "Bestseller" zu verlagern. Gewiss, die rasanten Umbrüche in der Entwicklung der Medien und des Buchhandels zwingen zu neuen Strategien. Aber vor wie vielen Autoren werden da die Türen zugeschlagen! Wichtiger denn je geworden sind kleinere, weniger renommierte Verlage, die es, oft unter Opfern, übernehmen, jenen Humus zu pflegen, den eine lebendige literarische Kultur braucht und ohne den sie im Schematismus des Gefälligen verdorrt. Und wie ermutigend, wenn sich dann Autor und Verlag wechselseitig die Treue halten.

          Als Beispiel mögen der Heidelberger Manutius Verlag und die Autorin Hanna Leybrand dienen, von der nun der jüngste Gedichtband "Tage in Weiß und Blau" vorliegt. Hanna Lybrand, in Passau geboren, wurde nach einem Studium der Philosophie, Romanistik und Latinistik als Opernsängerin ausgebildet, tendierte aber bald zur Literatur und gewann 1995 einen internationalen Lyrikwettbewerb in Italien und erhielt 2001 einen Mannheimer Literaturpreis für Lyrik. Dem Motto aus Stendhals Essay "Über die Liebe" - "Der Umgang mit Musik und ihren Traumgebilden macht für Liebe empfänglich" - möchte man hinzufügen: und für Lyrik. Denn bei ihr ist, wie ihre bisherigen Veröffentlichungen aus Erzählungen, Kurzprosa und vor allem Gedichten - "Schafft die Träume ab", "Der Chaosforscher", "Der Schwarzwaldschamane" und "Tage in Weiß und Blau" (2003 bis 2007) - zeigen, bei ihr ist die Liebe Trumpf. Gelegentlich ein Nachklang der römischen Liebesdichtung des Catull, ein Anklang an Else Lasker-Schüler, eine Anspielung auf Hilde Domins "Machandelbaum". Poesie, Musik und Liebesthema suchen den Einklang. "Unterm Schneemond tanzen / Harlekin und Kolumbine". "Auf der Tastatur meiner Rippen / spielt ein Kobold den / Minutenwalzer in Des-Dur". Unverkennbar weibliche Sinnlichkeit versteckt sich nicht. "Dein Geschlecht unter vollen Segeln". Oft ist es ein einziges lyrisches Bild, das haftenbleibt - aber das vermag ein ganzes Gedicht mitzutragen.

          Das Plädoyer für die Tradition seit Homer wird immer deutlicher: Das "greise Abendland / tausendfach totgesagt / ... die Hand darauf, dass wir / sein Herz noch schlagen hören / unter dem Panzer / der neuen Eiszeit". Dem Rückblick zur Wiege der europäischen Dichtung antwortet die Wiederbeschwörung der eigenen Kindheit ("Im Garten meiner Mutter"). Das poetische Ich registriert den Wechsel der Jahreszeiten, zumal in Heidelberg. Wieder gelingt es, das Flüchtige der Erscheinungen in einprägsamen Bildern einzufangen. "Papageno Mai", "Zündschnüre der Sonne", "der Wind kommt um die weißen / Parallelogramme der Flug / linien auszublasen". "Der Ginsterstrauch / hisst seine Trauerschoten". Auch Parodistisches taucht auf.

          Sind die Gedichte mit dem Rhythmus und dem Klang der Sprache eine Ausdrucksmöglichkeit musikalischer Begabung, so wird die Autorin gelegentlich aber auch geradezu zum Augenmenschen. Fast immer geht sie zum Objekt auf Distanz. Den Blick der Erzählerin ziehen die kleinen und auch stärkeren Verformungen des Menschlichen an, die Selbstüberschätzung wie die Scharlatanerie, die Eitelkeiten wie die Empfindlichkeiten. So durchsäuern Humor und Ironie die Geschichten. Hanna Leybrand ist eine scharfe Beobachterin. "Kaffeehausveteraninnen", der Chaosforscher aus Berkeley, der Opernfanatiker oder der seelenlose Klaviervirtuose, schottische Sitten oder wechselnde Stadtansichten Münchens und Heidelbergs geraten in ihr Visier.

          Gewiss, manches hat noch etwas vom Charakter der Probestücke für Schreibschulen. Aber bei zunehmender Sicherheit entstehen sehr lesenswerte Porträts und Miniaturen. Zu einem Bravourstück wird die Skizze eines "Nymphchens", einer griechischen Lolita; zur Satire auf die Beutelschneiderei von Scharlatanen und die Blindheit der wahllos Sinnsuchenden schärft sich die Geschichte vom "Schwarzwaldschamanen". Hanna Leybrand, als Opernsängerin ausgebildet, ist auf der Literaturbühne angekommen.

          WALTER HINCK

          Hanna Leybrand: "Tage in Weiß und Blau". Gedichte. Manutius Verlag, Heidelberg 2007. 115 S., geb., 14,80 [Euro].

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