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: Leviathan ist nicht der größte Fisch

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Was ist von einem Roman zu halten, der auf der dritten Seite und mitten im Frieden mit folgendem Dialog aufwartet: "Ich muß jetzt gehen, Lucy; schau! unter diesen Fahnen zieh' ich fort." - "Bravissimo! Oh, mein einziger Rekrut!", um sich unmittelbar im Anschluß an diese verliebten Rufe in einen familiengeschichtlichen ...

          Was ist von einem Roman zu halten, der auf der dritten Seite und mitten im Frieden mit folgendem Dialog aufwartet: "Ich muß jetzt gehen, Lucy; schau! unter diesen Fahnen zieh' ich fort." - "Bravissimo! Oh, mein einziger Rekrut!", um sich unmittelbar im Anschluß an diese verliebten Rufe in einen familiengeschichtlichen Exkurs in die Zeit der Indianerkriege zu begeben, denen Überlegungen zur Bedeutung von Stadt und Acker in der Landschaft der amerikanischen Demokratie und zu ihrem Einfluß auf die Stammbäume edler Familien folgen? Der sodann eine untergründig erotische Liebe zwischen Mutter und Sohn beschreibt, in der die Mutter ihren Sohn "Bruder Pierre" nennt, während er sie mit "Schwester Mary" anredet?

          Woran soll der Leser sich halten in einem Roman, dessen Erzähler immer wieder aus der Handlung heraustritt, um an die Scheinhaftigkeit der Welt zu erinnern, um sich von seinem Helden zu distanzieren oder auch ihm näher zu rücken? Was will dieser Roman, der schicksalsschwangere Vorahnungen, das Auftauchen eines alles verändernden Briefs und moralphilosophische Abwägungen mit schauerromantischen Passagen aus den Wäldern des Staats New York kombiniert und dann von einer schluchzenden Gitarre erzählt? Was soll der Leser, der bisher den Klängen eines sentimentalen Liebesromans gefolgt ist und sich durch ausufernde Skizzen eines philosophischen, eines psychologischen sowie eines Schauer- und eines Bildungsromans gearbeitet hat, was soll dieser Leser über ein Buch denken, das nach alldem auf Seite 423 ein weiteres wesentliches Motiv einführt: daß Pierre nämlich nicht nur ein enthusiastischer Wahrheitssucher ist - sondern auch ein Schriftsteller, dem bereits einige Lorbeerkränze gewunden wurden, was zu höhnischen Sottisen auf den Literaturbetrieb und scharfsinnigen Reflexionen über Erfolg und Mißerfolg bei den Kritikern Anlaß gibt?

          Und wie paßt in diese böse Satire die große, Macbeth-blutige Sterbeszene am Schluß, in der es aus dem Dunkel ruft: "Ihr kennt ihn nicht!"? Was also erzählt uns "Pierre oder Die Doppeldeutigkeiten" von Herman Melville, jener kaum bekannte Roman von 1852, der nun (nach einem ersten Versuch von 1965) endlich in einer kongenialen deutschen Übersetzung vorliegt?

          "Melville ist verrückt geworden", urteilten seine Zeitgenossen. Seine Familie ging nicht ganz so weit, teilte aber die Besorgnis um seinen Geisteszustand, und seine Frau behauptete gar, "Pierre" habe ihren Mann umgebracht. Fast einhundertfünfzig Jahre später befand einer von Melvilles Biographen: "Melvilles oft sardonische Überlegungen über seine eigene Laufbahn passen nicht zu der Geschichte von der Konfrontation einer idealistischen Seele mit der konventionellen Welt" - und nahm sich die Freiheit, eine amerikanische Fassung herauszubringen, die den Roman schlichtweg um die beanstandeten Teile kürzte. Autor und Vollstrecker dieser absonderlichen Idee war übrigens ausgerechnet Hershel Parker, der die verbindliche Ausgabe von Melvilles Schriften (die Northwestern-Newberry-Edition, die auch der deutschen Übertragung zugrunde liegt) mitverantwortet und mit seiner zweibändigen Biographie, die erst in diesem Jahr zum Abschluß kam, wohl die fundierteste Studie über Melvilles Leben vorgelegt hat. Der Internet-Buchhändler Amazon hingegen macht es sich in seiner Inhaltswiedergabe leichter mit dem dicken Buch. Dies sei die Geschichte eines jungen Mannes, "der alles aufs Spiel setzt, als er mit seiner Geliebten nach New York flieht und nicht nur seine Verlobte, sondern sein ganzes bisheriges Leben hinter sich läßt". Die Zusammenfassung verschweigt, daß Pierres Geliebte seine Schwester ist. Gerade das aber ist der Punkt und einer derer, die Melvilles Zeitgenossen außerordentlich erzürnten.

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