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Als Ilse Aichinger Ende der fünfziger Jahre auf einer Tagung der "Gruppe 47" den Schriftsteller Günter Grass kennenlernte, hatte sie den Eindruck, einem verletzlichen, ängstlichen Mann zu begegnen. Einer, der "verlassen werden könnte". Ein Einsamer. Auf einer späteren Tagung kam jener Einsame zu ihr.

          Als Ilse Aichinger Ende der fünfziger Jahre auf einer Tagung der "Gruppe 47" den Schriftsteller Günter Grass kennenlernte, hatte sie den Eindruck, einem verletzlichen, ängstlichen Mann zu begegnen. Einer, der "verlassen werden könnte". Ein Einsamer. Auf einer späteren Tagung kam jener Einsame zu ihr. Sie hatte gerade einige Gedichte gelesen. Dunkle Gedichte. Zu dunkel, fand Grass, zu düster, und kam also zu ihr und sagte: "Da muß etwas geschehen." In ihrem neuen Buch, dem leisen, weisen, poetischen, wundersamen Erinnerungsbuch "Unglaubwürdige Reisen", ist diese Begegnung festgehalten und die Sorgen des Danzigers um ihre Seele: "Da muß etwas geschehen." Und sie schließt die Erinnerung mit dem Satz: "Er hat es inzwischen geschehen lassen."

          Ilse Aichinger ist vierundachtzig Jahre alt, vor sechzig Jahren erschien ihr erster literarischer Text. "Aufruf zum Mißtrauen!" war er überschrieben und darin schrieb die von den Nationalsozialisten per Gesetz zur "Halbjüdin" Erklärte, die mit Glück als eine der wenigen ihrer Familie die Nazizeit in Österreich überlebt hatte, nicht etwa über das Mißtrauen gegenüber den Mitmenschen, der Politik, den Machthabern. Sie schrieb über das Mißtrauen gegen sich selbst. Es folgte ihr erster Roman, das autobiographische Erinnerungsbuch "Die größere Hoffnung", über die Sehnsüchte und Ängste jüdischer Kinder in der Nazizeit. Es wurde kein Erfolg. Die Menschen in Deutschland und Österreich waren dafür noch längst nicht bereit. Es blieb Ilse Aichingers einziger Roman. Auch in der "Gruppe 47" kamen das Buch und andere Texte Aichingers zunächst äußerst schlecht an. Den Realisten der Autorenvereinigung war ihr Stil entschieden zu überrealistisch, zu subjektiv und empathisch. Es war zu der Zeit, als der andere Überlebende, als Paul Celan, vor der Gruppe seine "Todesfuge" las, auf grummelndes Unverständnis stieß und angepöbelt wurde mit den Worten: "Der liest ja wie Goebbels." Daß es damals nicht zur Spaltung der Gruppe kam, hat die Diplomatie Hans-Werner Richters verhindert. Ilse Aichinger bekam später sogar den Preis der 47er für ihre "Spiegelgeschichte", ein rückwärts erzählter Bericht, der mit dem Sterben einer jungen Frau aufgrund einer verpfuschten Abtreibung beginnt. Und der mit der Geburt endet. Der letzte Satz, der erste Satz war: "Still! Laß sie reden!"

          Die Stille wuchs dann mit der Zeit im Leben Ilse Aichingers, auch in ihrem Schreiben. Ihr Stil wurde immer knapper, präziser, schneller. Ihre Texte wurden kleiner und immer kleiner. Ihre letzte Kolumne im Wiender "Standard" trug den Titel "Vom Verschwinden". Und so waren die Texte, kleine Feuilletons, Reportagen der Erinnerung, winzige Versuche über die Vergangenheit, von einer Poesie und Leichtigkeit und Ruhe, wie man es manchmal gar nicht glauben konnte. Früh schon hatte Ilse Aichinger ihre Poetik so erklärt: "Ich schreibe, weil ich keine bessere Form des Schweigens finde." Und diese Form hatte sie mit ihren Texten vom Verschwinden zu einer wahren Meisterschaft gebracht. Letzte Texte vor der Stille.

          Aber das große Glück dieses Bücher-Herbstes nun ist die Erkenntnis: Es waren vorletzte Texte, damals, bestenfalls vorletzte Texte vor der Stille. Denn die Kristallisierung der Worte im Werk Ilse Aichingers, die Verknappung der Sprache, die Verdichtung der Welt in ihrem Werk geht weiter. "Unglaubwürdige Reisen" ist die neue Textzusammenstellung überschrieben. Leser des "Standard" konnten schon vorher wissen, auf welchen Fahrten des Geistes die wundersame Dame in den letzten Jahren unterwegs gewesen ist.

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