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Les Murray: „Fredy Neptune“. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Eichhorn. Zweisprachige Ausgabe. Ammann Verlag, Zürich 2004. 520 S., geb., 29,80 Euro. Bild: Ammann Verlag

Les Murrays „Fredy Neptune“ : Ein Herkules aus der australischen Unterschicht

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Wahr wie die wahnsinnige Wirklichkeit: In seinem kühnen Gedichtepos „Fredy Neptune“ feiert Les Murray das Mysterium der Inkarnation.

          Wie weiterleben, wenn man 1915 mit ansehen mußte, daß im türkischen Trabzon armenische Frauen von einem ausgelassenen Mob bei lebendigem Leibe verbrannt werden? Diese Frage stellt sich Friedrich Adolph Böttcher, Sohn deutsch-australischer Kleinbauern, den das Kastrieren der Nutztiere so sehr ekelte, daß er Seemann wurde. Im August 1914 geriet er als Matrose an Bord eines deutschen Schiffes und wird so durch Zufall Augenzeuge, als die Hölle auf Erden beginnt. Er erkrankt darauf an Lepra; mit dem faulen Fleisch verliert er auch das physische Empfinden für Schmerz und Lust. Fred kämpft gegen den Schmerz der Schmerzlosigkeit. Dieser Makel verleiht ihm auch jene übermenschlichen Kräfte, die ihm später beim Zirkus den Künstlernamen Fredy Neptune eintragen: der Seemann, der nicht untergeht.

          Was klingt wie die Legende eines Comichelden, erweist sich als genialer Kunstgriff. Die Fülle der erzählten Ereignisse, Lebensläufe und Todesarten wird fokussiert im Körperbewußtsein dessen, der die Wirklichkeit jenseits von Gleichgültigkeit und Stumpfsinn spüren will, ohne darüber verrückt zu werden. Um welchen Preis und zu welcher Lust sein vor Scham verlorener Körper wiederkehrt, erzählt Fred selbst so lebendig, wie man es beim Durchblättern von Fotoalben macht: "Das war am Schlachtwursttag / auf unserer Farm bei Dungog. / Das sind mein Vater Reinhard Böttcher / und meine Mutter Agnes und mein Bruder Frank, / der später starb am Hirnbrand, Meningitis." Das Demonstrativpronomen "Das" führt medias in res, als ginge es gegen Milton, Pound und Walcott um den Weltrekord im Epenbeginnen - und in dieser Intensität läßt der australische Dichter Les Murray seinen Helden weitersprechen. Fred erzählt die vierunddreißig Jahre von August 1914 an bis nach der Ermordung Gandhis 1948, zwei Weltkriege, Armut, Rassenwahn, Atombombe.

          Fred gelangt zunächst durch die Wirren des Ersten Weltkriegs im Nahen Osten nach Hause, findet aber die Farm verwaist. Der Vater ist am Kummer über die Ächtung als Deutscher gestorben, die Mutter unbekannt verzogen. Auf der Suche findet Fred bei einem Kriegerdenkmal seine spätere Frau Laura, die Witwe eines der auf dem Stein Eingravierten. Die Beziehung droht mehrfach zu zerbrechen, denn Laura merkt natürlich, daß Fred nichts spürt, wenn er sie berührt. Dennoch wird ein Sohn geboren. Fredys Mutter wird wiedergefunden, doch bald an einen Deutschnationalen verloren, mit dem sie schließlich nach Dresden zurückgeht. Die kleine Familie lebt in äußerster Armut, Fred arbeitet als Möbelpacker. Als er an einer Delogierung mitwirken soll, wendet er sich handgreiflich gegen die amtshandelnde Polizei und muß in die Vereinigten Staaten fliehen, wo er zunächst als Bodyguard in einem als Irrenhaus getarnten Mafiaquartier wohnt. Später trampt Fred als Hobo quer durch die Wirtschaftskrise, ehe er in Hollywood als Statist für deutsche Militärchargen unterkommt und Marlene Dietrich begegnet.

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