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Leopoldo Brizuela: Nacht über Lissabon : Spione bitten zum Tanz

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Nur wenige Stunden, aber was für eine Fülle an Figuren und Themen: In seinem Roman „Nacht über Lissabon“ erzählt Leopoldo Brizuela von Portugals Hafenstadt als Bühne für dramatische Emigrantenschicksale während der Nazi-Zeit.

          Der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann.“ Der das sagte, Enrique Santos Discépolo, hat viele erfolgreiche Tango-Lieder geschrieben und ist eine der Hauptfiguren im Roman „Nacht über Lissabon“ des argentinischen Schriftstellers Leopoldo Brizuela. Brizuela hat in Lissabon gelebt und eine andere tieftraurige Musik, den portugiesischen Fado, studiert. Der Fado, „melancholische Asche der Erinnerung“, steht für ihn gleich neben dem Tango. Und Amalia Rodrigues, die bedeutendste Fado-Sängerin ihrer Zeit, stellt er in eine Reihe mit den „Milongueras“ aus seiner Heimat am Río de la Plata, den leichtlebigen und früh verführten, aus den Vorstädten und der Pampa nach Buenos Aires gekommenen Nachtclubtänzerinnen.

          Der Roman spielt in einer einzigen Nacht in der portugiesischen Hauptstadt. Sie war 1942 der letzte Hafen für Zehntausende von den Nazis Verfolgte aus Mittel- und Osteuropa, die auf ein Schiff warten, das sie in der Nacht vom 18. November aufnehmen und sie zum rettenden anderen Atlantikufer nach Argentinien bringen sollte. Das Schiff „Boa Esperanza“, mit argentinischem Weizen in das hungernde Portugal geschickt, will für die Rückreise nach Argentinien Flüchtlinge aufnehmen. Die langen Dialoge in der wolkenschweren Nacht des 18. November 1942 in Lissabon kreisen um Fragen der Weltpolitik wie um den Fado und den Tango. Großbritannien versucht den zaudernden Diktator Salazar in den Krieg gegen die Nazis zu treiben, Salazar beharrt auf Portugals Neutralität.

          Recht bizarre Liebesfabeln

          Deutsche Rundfunksender strahlen zum Ärger der Immigranten Propaganda für Hitler in den Lissabonner Tavernen und Cafés aus. Die Hauptstadt und noch mehr der nahe Badeort Estoril am Atlantik steckten während des Zweiten Weltkriegs voller Spione und Diplomaten mit Sonderaufträgen. Die Barkeeper in den teuren Hotels in Estoril erzählten noch in den fünfziger und sechziger Jahren von den britischen und deutschen Agenten, die in den Kriegsjahren an ihren Theken zu stehen pflegten. Viele deutsche Nazis sind nach der Niederlage Deutschlands in Lissabon geblieben, wo sie unter dem Schutz der Salazar-Regierung ihre Kenntnisse Portugals großen deutschen Firmen für gutes Geld zur Verfügung stellten.

          Brizuelas Buch hat die drei klassischen Einheiten bewahrt: die der Zeit (die Nacht des 18. November 1942), die des Ortes (das Hafenviertel von Lissabon) und die der Handlung: das Warten auf das Schiff der Rettung. In dem über 700 Seiten starken Roman läuft alles auf die tragischen Ereignisse und die unerwarteten Zusammenkünfte in jener Nacht von Lissabon zu. Die vielen Figuren des Romans erzählen sich zahlreiche Lebensgeschichten, die gewöhnlich Leidensberichte, manchmal aber auch recht bizarre Liebesfabeln sind. Die Protagonisten sind teils erfundene Personen, zum anderen aber auch Akteure der jüngeren Geschichte wie ebenjene berühmte Sängerin Amalia Rodrigues, der rumänische Schriftsteller und Diplomat Mircea Eliade, der Kardinalpatriarch von Lissabon und der Tangotexter und -komponist Discépolo. Um sie herum bewegen sich die Diplomaten und Spione, die oft zwielichtigen Mitglieder der katholischen Hierarchie, dazu Tänzerinnen und Prostituierte aus den Nacht- und Hafenlokalen.

          Lebenslang andauernde Liebe

          Lissabon steckt voller Geschichten, manchmal tragische, fast immer humorvolle. Sie machen die Lektüre der 700 Seiten abwechslungsreich und spannend. Die Beschreibung vom Leben in der nächtlichen Metropole und die Erinnerungen an die Tangoschauplätze am Rio de la Plata sind von Sympathie und Nostalgie geprägt. Die diversen Figuren sind durch ihre unterschiedliche Art zu sprechen und durch ihren Wortgebrauch leicht voneinander zu unterscheiden. Leopoldo Brizuela hat das Glück gehabt, für die erst ein halbes Jahr zuvor erschienene spanische Originalausgabe mit Thomas Brovot einen der derzeit besten Übersetzer aus dem Spanischen ins Deutsche zu finden. Brovot hat den Reichtum des Wortschatzes und die elegante Struktur der Dialoge in einem gleichwertigen Deutsch wiedergegeben.

          Erich Maria Remarque hatte 1962 einen Roman mit ähnlichem Titel - „Die Nacht von Lissabon“ - und der gleichen Thematik - die Flucht der von den Nazis Verfolgten über Lissabon - veröffentlicht. Es ist ebenfalls die Nacht des 18. November 1942. Remarque hat eine spannende Geschichte über die Flucht und Resignation eines Mannes aus Osnabrück geschrieben, die gleichzeitig die Schilderung einer lebenslang andauernden Liebe ist.

          Anregende Dialoge

          Brizuelas Buch ist immer wieder von neuem aufzublättern, um sich bei jeder der zufällig gefundenen Passagen an der schönen, manchmal durchaus gesuchten Sprache zu erfreuen. Zum sprachlichen Lesevergnügen kommen überraschende Einsichten hinzu, nicht nur zu Fado und Tango, auch über Portugal und Argentinien und die grausige Höllenhöhle, die Boca do Inferno am Strand von Lissabon, oder die Verwandlung des Fado in einen Totentanz. Brizuela schreibt ein gepflegtes und vielseitiges Spanisch, er ist heute wohl einer der literarisch interessantesten Autoren Argentiniens.

          Die Idee zu „Lisboa, un melodrama“, wie der Roman im Original heißt, mit dem argentinischen Wahlkonsul Cantilo als eine der Hauptfiguren kam Brizuela übrigens, als er in einem Hotel der Provinz Corrientes im selben Zimmer übernachtete, in dem vorher Graham Greene geschlafen hatte. Greene suchte damals Material für den Roman „Der Wahlkonsul“, der in Corrientes, in dem Dreiländereck zwischen Argentinien, Brasilien und Paraguay, spielt.

          Wo immer man das Buch aufschlägt, findet man einen anregenden Dialog, eine unterhaltsame Lebensanekdote. Besonders treffend gelingt Brizuela die Darstellung der Frauengestalten, die in dieser Nacht von Lissabon eine wichtige Rolle spielen, wie die Sängerin Tania oder die junge Amalia. „Nacht über Lissabon“ ist ein amüsantes, doch keineswegs oberflächliches Buch - vor allem geeignet zur Lektüre in den langen europäischen Winter- und Frühjahrsnächten.

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