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: Lenin mit h - die spinnen doch!

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Der erste Satz ist kurz, keine Zeile lang: "Irgendwann war es so dunkel, daß Wolli schwieg." Der zweite, dessen erstes Wort ("Frank") die erste Zeile abschließt, geht über die restliche Seite. Was soll das, fragt man sich, will hier einer Kleist spielen? Das wäre einem Schriftsteller wie Sven Regener vermutlich ...

          Der erste Satz ist kurz, keine Zeile lang: "Irgendwann war es so dunkel, daß Wolli schwieg." Der zweite, dessen erstes Wort ("Frank") die erste Zeile abschließt, geht über die restliche Seite. Was soll das, fragt man sich, will hier einer Kleist spielen? Das wäre einem Schriftsteller wie Sven Regener vermutlich zu albern; albern in dem Sinne, dass er nicht wüsste, wozu er einen fremden Ton nachahmen sollte, wo er doch einen eigenen hat. Der sogenannte Regener-Sound, der seit dem sehr gut verkauften Romandebüt "Herr Lehmann" (2001) nicht nur popaffinen Lesern angenehm in den Ohren klingt, zeichnet sich kaum durch Komplexität aus als vielmehr dadurch, dass an manchen Stellen, an denen ein Komma steht, auch ein Punkt oder ein Semikolon stehen könnte. Ein guter Trick: einfach so tun, als hätte man auch die Hypotaxe drauf. Aber der zweite, parataktische Satz des dritten Sven-Regener-Romans ist in Wirklichkeit gar keiner; es sind, mindestens, sechs Sätze, die durch Kommata miteinander verbunden sind und so ein Ganzes ergeben.

          Darin steckt Regeners Verfahrenstechnik: Der Erzähler erzählt zunächst, aber im Grunde nur mit dem ersten Satz. Dann macht er sich schon Frank Lehmanns Perspektive zu eigen und kriecht in dessen Kopf hinein. Das ist erzähltechnisch nicht ganz sauber; ein innerer Monolog oder erlebte Rede ist es nicht, aber es passt zu dieser norddeutsch-verwaschenen und, wenn Regener selbst vorliest, vernuschelten und dennoch präzisen Sprache, die ausdrückt, wie Lehmann die Welt wahrnimmt: Er ist nicht gerade ein kognitiver Revolverheld, sondern lässt die Dinge mit einer fast trägen Gründlichkeit auf sich wirken, um dann aber seine meistens richtigen Schlüsse daraus zu ziehen und die Sache mit sanfter Entschlossenheit in die Hand zu nehmen.

          Wolli schwieg also. Und was darauf folgt, liest sich so (es ist der zweite Satz): "Frank Lehmann bemerkte das erst gar nicht, weil er schon lange nicht mehr hinhörte, sondern schon kurz hinter der Grenze bei Helmstedt hatte er die Ohren auf Durchzug gestellt und sich aufs Fahren konzentriert . . ." Auch wenn Frank Lehmann sich das Recht herausnimmt, auf Durchzug zu schalten - bei ihm selbst sollte man hinhören. Von Anfang an weiß er, dass die gemeinsame, im Jahre 1980 unternommene Fahrt in einem Opel Kadett von Bremen nach Berlin keine Reise ins Herz der Finsternis ist, auch wenn Wollis daraus ein geheimnisvolles Abenteuer macht. Die geteilte Stadt liegt im Novemberdunkel ziemlich unspektakulär da. Umstandslos wird die Quasselstrippe entlarvt: ",Lehnin!', rief Wolli und zeigte in die Dunkelheit, in der ein schmutziges, nichtreflektierendes Hinweisschild auftauchte, ,Lehnin! Mit h! Die spinnen doch!'" Nicht nur Bremer Burschen im Bundeswehralter werden damals nicht gewusst haben, dass es einen Lehniner Platz und, südwestlich von Potsdam, ein Kloster Lehnin gibt. Jeder, der in der ausgehenden Breschnew-Zeit im Oberstufenalter war, kennt das Gerede von Leuten, die glaubten, man könne und dürfe, sobald man die Schule hinter sich hat, nur noch in Berlin wohnen. Wie Wesen von einem anderen Stern kamen sie einem dann vor, wenn sie im Westen zu Besuch waren. Regener, der Fachmann fürs Herunterkühlen, ironisiert diese Berlin-Angeberei ohne Gehässigkeit und lässt Wolli am Ende wieder abziehen, weil der merkt, dass er in Bremen besser zurechtkommt. Darin liegt die Humanität des Romans. Das erste Kapitel schließt: "Neues Leben hin, neues Leben her, dachte er, es sollte nicht mit der Fahrt durch einen langen, dunklen Tunnel beginnen. Oder vielleicht doch, dachte er, als in der Ferne die hell strahlende Grenzkontrollstelle auftauchte wie ein frisch gelandetes Raumschiff."

          Schon diese Einfahrt in den Osten, hinein in die Frontstadt des Westens gehört mit ihrer Ökonomie zu den Glanzstücken des Romans "Der kleine Bruder", mit dem die Lehmann-Trilogie nun abschlossen ist. Er ist nicht der gewichtigste Teil und hat nicht die epische Kraft des Zweitlings "Neue Vahr Süd"; aber Regener beweist auch hier seine Meisterschaft in der unvoreingenommen geduldigen, sich aber nie in Details verlierenden Beobachtung.

          Das Bruder-Buch steht handlungschronologisch in der Mitte zwischen der Bremer Wehrdienstgeschichte "Neue Vahr Süd" und dem in Berlin kurz vor der Wendezeit als Kneipier Karriere machenden "Herrn Lehmann". Zwei Tage und Nächte genügen Regener jetzt, um uns ein Bild von der Stadt zu geben, um die sonst so viel Getue gemacht wird. Und das Bemerkenswerte dabei ist, dass das unter strikter Aussparung einschlägiger Versatzstücke geschieht. Man wird das nur für ignorant halten, wenn man Pop- oder Szeneliteratur erwartet hat und gerne auch etwas über Platten und Kleidungsmarken erfahren hätte. Dass dies alles den hauptamtlichen Rockmusiker Regener nicht interessiert, macht den souveränen Zug seines Buchs aus. So erstrahlt Berlin in frischem Grau, dem Grundton jedes vernünftigen Lebens, zu dem Regener, der auch in seiner Band Element Of Crime den Rausch vom Kater zu unterscheiden weiß, hier abermals ein Bekenntnis ablegt. Dieses Mittelstück ist Heimatkunst am verlängerten Arm, der noch etwas an Bremen hängt. So erscheint Frank Lehmann als Nachfahre eines anderen Hanseatenjünglings, Hans Castorps, als Vertreter jenes Menschenschlags, den Settembrini als phlegmatisch, aber energisch bezeichnet hatte. Auch in die aufregendste Welt nimmt man sein bedächtiges Naturell mit und muss es, das ist der ganze Witz, auch gar nicht ablegen.

          Durch einen vorgetäuschten Selbstmordversuch der Bundeswehr entwischt, kommt Frank Lehmann einigermaßen planlos in Berlin an und weiß nur, dass er seinen älteren Bruder Manfred aufsuchen will, der hier als Künstler angeblich schon eine große Nummer ist. Aber Manfred, den man hier "Freddie" und nicht, wie zu Hause, "Manni" nennt, ist gar nicht da, und niemand weiß, wo er steckt. Sofort wird Frank in die Auseinandersetzungen um unklare Wohnverhältnisse hineingezogen und lässt sich ohne große Gegenwehr die Miete für den Bruder aus der Tasche ziehen. Auf seine abwartende Art verschafft sich Frank inmitten der Milieuaufgeregtheiten Respekt, bewährt sich während äußerst turbulenter Abende bei der Bierausgabe und freundet sich mit dem herzensguten Zyniker Karl an, der ihm eine Lektion erteilt, die auch der Leser nicht wieder vergessen sollte: "Es ist Kunst, wenn einer sagt, dass es Kunst ist. Im Zweifel ich. Und dann muss ich noch mindestens einen finden, der mir das glaubt." Also ist es auch Kunst, wenn ein Hausbesitzer seine Mieter in dem Glauben lässt, sie bewohnten ein besetztes Haus - mit dieser wohl treffsichersten Pointe bringt Regener die im Happeningmilieu üblicherweise anzutreffende Mischung aus Orientierungslosigkeit, Dilettantismus und Geltungsdrang auf den Punkt.

          Es ist also alles eine Frage der Haltung und Behauptung. Auf der Grundlage dieser Klärung umkreist der Roman sein eigentliches Thema: den Gruppenzwang, dessen Gesinnungsterror und die bisweilen lächerlichen Ausschlusskriterien, nach denen Menschen vor allem danach beurteilt werden, ob sie auch immer schön durchblicken. Das alles wird als falsches Denken entlarvt, das, vielleicht nur aus Unsicherheit oder Angst vor Einsamkeit, aus dem Leben mehr macht, als es ist. Deshalb lässt Lehmann unter Regeners nüchterner Regie aus allem die Luft raus, tritt der allgemeinen, fast zwanghaften Suche nach künstlicher Identität mit einfachen Nachfragen entgegen und findet nicht allzu viel dabei, wenn er in der schäbigen Spätaufsteher-WG-Küche vor versammelter Mannschaft mit seiner Mutter in Bremen telefonieren muss, die langsam auch wissen will, wo Manfred steckt.

          Den findet Frank am Ende in einem Krankenhauszimmer vor sich hindösend - als Testpatienten für Psychopharmaka. Aber auch daraus wird keine große Sache macht: "Das mußte Freddie selber wissen." Der in seiner Wortkargheit grandios-stimmungsvolle Schluss enthält die einzige weiche, gewissermaßen die charakterliche Sollbruchstelle, die Frank Lehmann endgültig als den guten Kerl ausweist, als den wir ihn schon seit zwei Romanen kannten. Auf Freddies Frage, wie er überhaupt hierherkomme, sagt er: ",Ich war gerade in der Gegend', sagte Frank, und er war so erleichtert, daß er fast zu weinen anfing." Der Leser darf auch ruhig eine Träne darüber vergießen, dass uns Frank Lehmann, dieser wahre Nonkonformist, damit aus den Augen kommt.

          - Sven Regener: "Der kleine Bruder". Roman. Eichborn Berlin, Berlin 2008. 286 S., geb., 19,95 [Euro].

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