https://www.faz.net/-gr3-10g7z

: Lenin mit h - die spinnen doch!

  • Aktualisiert am

Das Bruder-Buch steht handlungschronologisch in der Mitte zwischen der Bremer Wehrdienstgeschichte "Neue Vahr Süd" und dem in Berlin kurz vor der Wendezeit als Kneipier Karriere machenden "Herrn Lehmann". Zwei Tage und Nächte genügen Regener jetzt, um uns ein Bild von der Stadt zu geben, um die sonst so viel Getue gemacht wird. Und das Bemerkenswerte dabei ist, dass das unter strikter Aussparung einschlägiger Versatzstücke geschieht. Man wird das nur für ignorant halten, wenn man Pop- oder Szeneliteratur erwartet hat und gerne auch etwas über Platten und Kleidungsmarken erfahren hätte. Dass dies alles den hauptamtlichen Rockmusiker Regener nicht interessiert, macht den souveränen Zug seines Buchs aus. So erstrahlt Berlin in frischem Grau, dem Grundton jedes vernünftigen Lebens, zu dem Regener, der auch in seiner Band Element Of Crime den Rausch vom Kater zu unterscheiden weiß, hier abermals ein Bekenntnis ablegt. Dieses Mittelstück ist Heimatkunst am verlängerten Arm, der noch etwas an Bremen hängt. So erscheint Frank Lehmann als Nachfahre eines anderen Hanseatenjünglings, Hans Castorps, als Vertreter jenes Menschenschlags, den Settembrini als phlegmatisch, aber energisch bezeichnet hatte. Auch in die aufregendste Welt nimmt man sein bedächtiges Naturell mit und muss es, das ist der ganze Witz, auch gar nicht ablegen.

Durch einen vorgetäuschten Selbstmordversuch der Bundeswehr entwischt, kommt Frank Lehmann einigermaßen planlos in Berlin an und weiß nur, dass er seinen älteren Bruder Manfred aufsuchen will, der hier als Künstler angeblich schon eine große Nummer ist. Aber Manfred, den man hier "Freddie" und nicht, wie zu Hause, "Manni" nennt, ist gar nicht da, und niemand weiß, wo er steckt. Sofort wird Frank in die Auseinandersetzungen um unklare Wohnverhältnisse hineingezogen und lässt sich ohne große Gegenwehr die Miete für den Bruder aus der Tasche ziehen. Auf seine abwartende Art verschafft sich Frank inmitten der Milieuaufgeregtheiten Respekt, bewährt sich während äußerst turbulenter Abende bei der Bierausgabe und freundet sich mit dem herzensguten Zyniker Karl an, der ihm eine Lektion erteilt, die auch der Leser nicht wieder vergessen sollte: "Es ist Kunst, wenn einer sagt, dass es Kunst ist. Im Zweifel ich. Und dann muss ich noch mindestens einen finden, der mir das glaubt." Also ist es auch Kunst, wenn ein Hausbesitzer seine Mieter in dem Glauben lässt, sie bewohnten ein besetztes Haus - mit dieser wohl treffsichersten Pointe bringt Regener die im Happeningmilieu üblicherweise anzutreffende Mischung aus Orientierungslosigkeit, Dilettantismus und Geltungsdrang auf den Punkt.

Es ist also alles eine Frage der Haltung und Behauptung. Auf der Grundlage dieser Klärung umkreist der Roman sein eigentliches Thema: den Gruppenzwang, dessen Gesinnungsterror und die bisweilen lächerlichen Ausschlusskriterien, nach denen Menschen vor allem danach beurteilt werden, ob sie auch immer schön durchblicken. Das alles wird als falsches Denken entlarvt, das, vielleicht nur aus Unsicherheit oder Angst vor Einsamkeit, aus dem Leben mehr macht, als es ist. Deshalb lässt Lehmann unter Regeners nüchterner Regie aus allem die Luft raus, tritt der allgemeinen, fast zwanghaften Suche nach künstlicher Identität mit einfachen Nachfragen entgegen und findet nicht allzu viel dabei, wenn er in der schäbigen Spätaufsteher-WG-Küche vor versammelter Mannschaft mit seiner Mutter in Bremen telefonieren muss, die langsam auch wissen will, wo Manfred steckt.

Den findet Frank am Ende in einem Krankenhauszimmer vor sich hindösend - als Testpatienten für Psychopharmaka. Aber auch daraus wird keine große Sache macht: "Das mußte Freddie selber wissen." Der in seiner Wortkargheit grandios-stimmungsvolle Schluss enthält die einzige weiche, gewissermaßen die charakterliche Sollbruchstelle, die Frank Lehmann endgültig als den guten Kerl ausweist, als den wir ihn schon seit zwei Romanen kannten. Auf Freddies Frage, wie er überhaupt hierherkomme, sagt er: ",Ich war gerade in der Gegend', sagte Frank, und er war so erleichtert, daß er fast zu weinen anfing." Der Leser darf auch ruhig eine Träne darüber vergießen, dass uns Frank Lehmann, dieser wahre Nonkonformist, damit aus den Augen kommt.

- Sven Regener: "Der kleine Bruder". Roman. Eichborn Berlin, Berlin 2008. 286 S., geb., 19,95 [Euro].

Weitere Themen

Topmeldungen

Reformen der Koalition : Immer auf die Besserverdiener

Egal ob Baukindergeld, Pflegereform oder Soli – die große Koalition schließt Einkommensstarke konsequent von finanziellen Entlastungen aus. Die Grenzen setzt sie dabei willkürlich und der Papierkrieg ist immens.

Brandenburg : Ist das schlimmer als Diktatur?

Angegriffen und abgehängt: Vor den Landtagswahlen kocht im Osten die Stimmung. Davon profitiert vor allem die AfD. Eine Reise durch die Dörfer Brandenburgs.

AfD in Sachsen : Die DDR ist ein Wahlkampfschlager

In Sachsen will die AfD die Landtagswahl gewinnen – dafür bedient sie gezielt ein Zerrbild der Wirklichkeit. Ihre Wähler stört das nicht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.