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Lena Muchina: Lenas Tagebuch : Wie unbemerkt so ein Schreckenstag vergeht

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Gelee und Katzenfleisch

Lenas gepflegte Melancholie aus Schultagen weicht einer fürs Überleben wichtigen Emsigkeit, und man bemerkt, wie sie schlagartig ihre Haltung ändert, ändern muss. Leningrad wird zur Festung, und Lena bildet die neue Wirklichkeit haarklein ab: die Schutzunterstände, die überall gebaut werden; die ersten Trümmer, die sie mit der neuen Freundin Tamara besichtigen geht; die Menschentrauben, die nicht hineinpassen und am Eingang verschüttet werden, „wahnsinnig geworden“. Als Sanitäterin sieht sie bald den ersten Toten, „so ein Junger, Sympathischer“, der kurz vor der Operation noch rauchte. Die Essensrationen werden kleiner.

Leningrad, durch Lenas Augen betrachtet, wirkt immer tonloser, menschenloser. Wie sie das in Momentaufnahmen beschreibt, ist gespenstisch. Keine Musik. Nur „der Hornist“, der durch die Lautsprecher Entwarnung gibt. Beide Mütter sterben, erst die leibliche, dann die Ziehmutter, deren Leichnam sie mit einem Schlitten zum Massengrab zieht, und Lena ist allein in dieser Stadt. „Wer lehrt mich jetzt das Leben? Ringsum fremde Leute, denen bin ich egal.“ Zum Schreiben ist sie in Decken eingehüllt. Einige Zeit gibt es noch Schule und dort portionsweise Gelee, einmal Katzenfleisch. Kino und Theater sind noch in Betrieb, aber für den Rückweg ist sie fast zu schwach. Dann gibt es im kältesten Winter weder Wasser noch Strom, manchmal nicht mal Brot. Straßenbahnen fahren lange nicht. Man hört mit Lena das beständige Ticken der Radios, die aus Lautsprechern Alarm melden - das „Leningrader Metronom“. Später in dieser langen Zeit steht sie dafür nicht mal mehr auf. Die Keller aufzusuchen kostet Kraft, und sie schreibt: „Sollen sie mich doch umbringen.“

Ein berührendes und eindrucksvolles Zeitdokument

Der Graf Verlag hat diesen Bericht sorgfältig ausgestattet mit Anmerkungen, Hintergrundinformationen sowie einem sehr persönlichen Vorwort der Schriftstellerin Lena Gorelik, die 1981 in Leningrad geboren wurde. Zusammen mit Gero Fedtke hat sie das Tagebuch aus dem Russischen übersetzt. Sie erzählt, wie die Blockade für sie als Nachgeborene eine Legende war, die den Kindern „Stolz“ wie „Schauder“ über den Rücken trieb. Die Blockade „war immer da“ und das Brot vor den Augen der Großmutter nicht wegzuwerfen. Aber die Erinnerung an das, was ihre Familie durchlebte, drohte vergessen zu werden.

Jetzt gibt es zu der bestehenden Literatur eine neue, eine wichtige und beklemmend nachhaltige, weil unverstellte Stimme aus diesen 872 Tagen. Muss man noch damit werben, dass „Lenas Tagebuch“ auch Befreiendes, Leichtes enthält? Lenas Zeilen über die Freude beim Kauf seltener, alter Ansichtskarten; das Grün im Mai, das sie wahrnimmt. Da wechselt sie einige Tage lang, durchaus literarisch ambitioniert, in die dritte Person und erzählt von sich selbst als Lena. Sie wohnt inzwischen bei Freunden und wartet auf die Ausreise. „Sie war fröhlich und fühlte sich gut.“ Dieser Perspektivwechsel ist irritierend, fast so, als probierte Lena Muchina ein neues Leben noch im alten aus. Da fühlt sie schon nichts mehr, nicht mal mehr Hunger, notiert sie.

Eine Schriftstellerin mit Werk wurde aus Lena Muchina nicht. Auch keine Zoologin, ihr „Herzenswunsch“. Sie arbeitete als Müllerin, als Mosaiklegerin und in der Industrie und blieb unverheiratet. Aber vielleicht hatte sie Tiere und Pflanzen, wie sie es sich im März 1941 ausmalte, in bildhafter Sprache, so dass man alles vor sich sieht. Das macht die Lektüre dieses Tagebuchs, dieses erstaunlichen Zeitdokuments berührend und eindrucksvoll.

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