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Leïla Slimanis neuer Roman : Die Hand an der Wiege

Die 13. Goncourt-Preisträgerin in 112 Jahren und eine der jüngsten: Leïla Slimani, 1981 in Marokko geboren und aufgewachsen, lebt heute in Paris. Bild: interTOPICS /Magali Delporte

Wenn im Heim das Unheimliche lauert: Leïla Slimanis Schauerroman „Dann schlaf auch du“ ist ein Buch voller Raffinesse. Und nichts für schwache Nerven.

          Als der Roman beginnt, hat er seine schlimmstmögliche Wendung bereits genommen. „Das Baby ist tot“, lautet der erste Satz von Leïla Slimanis Schauergeschichte über die diskreten Abgründe der Bourgeoisie. Für schwache Nerven ist „Dann schlaf auch du“ nichts, das in der explosiven Tradition von Genet und Buñuel das Drama der modernen Familie auf die Spitze treibt. Gefahr droht hier nicht durch das Fremde, das Unbekannte, das irgendwo da draußen lauert. Das Unheimliche nistet vielmehr im eigenen Heim. Und es kommt noch schlimmer: Es ist die Nounou, die von allen geliebte Kinderfrau Louise, die die Sprösslinge der Familie Massé eiskalt erdolcht. Für Adam und Mila kommt jede Rettung zu spät, wie der Leser noch auf Seite eins erfährt, nur die Kindsmörderin, die im Anschluss an die Tat das Messer gegen sich selbst gerichtet hatte, wird überleben.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Was war passiert? Wie konnte es zu dieser Ungeheuerlichkeit kommen? Warum war Louise, die praktisch zur Familie gehörte und die Kinder mehr liebte als die eigene Tochter, zur Mörderin geworden? Der Auftakt des Romans ist in seiner eruptiven Gewalt ein reißerischer Paukenschlag. Doch erst die folgenden 220 Seiten, in denen die Autorin mit chirurgischer Präzision die Tragödie von vorne aufrollt, treibt das Genre an seine Grenzen. Denn die marokkanische Autorin, die, 1981 in Rabat geboren, mit siebzehn zum Studium nach Paris kam und seither dort lebt, geht vermeintliche Gewissheiten der modernen Welt frontal an. „Die Hand an der Wiege“ mag ein alter Topos sein, Leïla Slimani aber trifft einen Nerv. Monatelang stand sie mit dem Roman auf den Bestsellerlisten und wurde 2016, was selten zusammenkommt, mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet – als eine der jüngsten Autoren je und als dreizehnte Frau seit 1904.

          Die Frage aller Fragen

          Langsam nähert Slimani sich dem Geschehen in der Pariser Rue d’Hauteville, dessen Ausgang der Leser von Anbeginn vor Augen hat: Wir lernen Paul und Myriam kennen, ein junges, erfolgreiches Paar. Sie ist Juristin und bleibt nach der Geburt der Kinder zu Hause. Er ist als Musikproduzent immer häufiger abwesend, und Myriam fällt zusehends die Decke auf den Kopf. Sie will ihre Freiheit zurück, die täglichen Besuche auf dem Spielplatz langweilen sie. Als sie das Angebot erhält, in einer Kanzlei einzusteigen, sagt sie zu. Und steht vor der Frage aller Fragen berufstätiger Mütter: wohin mit den Kindern?

          Freiheit erlangt sie nur, wenn sie diese Sorge delegieren kann. Doch keine der Bewerberinnen, die auf ihre Annonce antworten, erscheint ihr gut genug. Niemandem will sie ihr Kostbarstes anvertrauen, da betritt Louise die Wohnung. Sie scheint die perfekte Nanny zu sein. Die Französin mit dem blonden Dutt ist freundlich und erfahren und hat gute Referenzen, erleichtert setzt Myriam den Vertrag auf. Putzfrauen und Gärtner könne man schwarz anstellen, meint die Juristin, nie aber eine Nanny.

          Das Ehepaar kann sein Glück nicht fassen. Louise findet nicht nur Zugang zu den Kindern, sie hält auch die Wohnung in Schuss, geht einkaufen, macht die Wäsche und kocht, wenn Gäste kommen. Bald vertrauen Paul und Myriam ihr blind – gerade diese Blindheit aber ist es, die ihnen zum Verhängnis werden wird. Denn das Paar ist so sehr mit sich und seinen Problemen beschäftigt, dass es darüber den Menschen Louise übersieht.

          Die Fremde in der Wohnung

          Tatsächlich wissen die beiden nichts über ihre Angestellte, Louise bleibt die Fremde in der Wohnung, die gleichwohl umgekehrt die intimsten Details über sie weiß. Aus dieser Asymmetrie der Beziehung entwickelt der Roman seine Tragödie. Dass Louise ein Schicksal mit sich schleppt, selbst Opfer von Gewalt und Demütigung ist und zudem in finanziellen Nöten steckt, erfahren allein die Leser, nicht aber die Massés – weil sie es nicht erfahren wollen. Selbst als sich die Hinweise mehren, dass etwas nicht stimmt, Louises Stimmungsschwankungen krankhafte Züge annehmen, schauen sie weg. Nichts soll das praktische Arrangement gefährden, und die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

          Leïla Slimani urteilt weder über die einen, noch entschuldigt sie die andere, sondern zeichnet vielmehr die Anatomie eines verhängnisvollen Nichtverhältnisses zwischen Mutter und Nanny. Bereits in ihrem Romandebüt „Dans le jardin de l’ogre“ (2014) steht eine pathologische Heldin im Zentrum. Jetzt korrespondiert die Einsamkeit der wahnhaften Louise mit jener von Myriam. Die Juristin ist eine Frau unter Druck, die Nachtschichten einlegen muss, um ihre Aktenberge zu bewältigen, aber auch bei Dinnerpartys noch eine gute Figur machen will. In diesem auf Effizienz getrimmten Alltag bleibt für Zweifel oder Nachfragen kein Raum. Nur indem Myriam die Organisation der Familie delegiert und Probleme ausblendet, ist ihr dieses Leben überhaupt möglich. Nur so kann sie die Widersprüche ihres Alltags aushalten. Dazu zählen nicht zuletzt die ungeklärten Machtverhältnisse im Hause Massé.

          Aus Liebe erwächst der Hass

          Louise befindet sich trotz legaler Anstellung in einem prekären Arbeitsverhältnis, in dem alles in der Schwebe bleibt. Slimani erkennt darin ein Symptom unserer Zeit, dass häusliche Arbeitsverhältnisse nicht als solche gehandhabt werden. Vielmehr geben sich alle nett zueinander, es geht schließlich um die Kinder, und reden scheinbar auf Augenhöhe. Doch verkompliziert das in Slimanis Lesart die Dinge. Denn bei aller zur Schau getragenen Toleranz reicht ein falscher Ton, um Misstrauen zu befördern. Subtil enthüllt Slimani die Widersprüche unserer Gegenwart, wenn Louise, die sich als Teil der Familie wähnen soll und mit in den Urlaub genommen wird, sich plötzlich auf ihren Angestelltenstatus zurückverwiesen findet, ohne jegliche Erklärung. Auch wenn sie krank ist, kann sie nicht einfach einen Krankenschein einreichen, sondern muss der hysterischen Myriam am Telefon erklären, warum sie nicht auch mit Fieber zur Arbeit erscheinen könne.

          Vor allem aber weiß Louise insgeheim, dass ihre Tage bei den Massés spätestens dann gezählt sein werden, wenn die Kinder alt genug sind, um in die Vorschule zu gehen. Dass sie sich für die Familie aufopfere, um dann, wenn ihre Dienste nicht mehr benötigt würden, entsorgt zu werden wie ein alter Putzlappen – so denkt sie. Und aus Liebe und Zuneigung erwächst der Hass.

          Unheimlicher Realismus

          „Chanson douce“, so der Originaltitel, liegt tatsächlich ein realer Fall zugrunde. Einer New Yorker Familie an der Upper West Side widerfuhr genau das, wovon Slimani hier erzählt, doch will die Autorin ihren Roman nicht als dessen Fiktionalisierung verstanden wissen. Sie hat weitere Fälle mit ähnlicher Motivlage recherchiert, etwa den des Kindermädchens Louise Woodward, nach der sie ihre Figur benannt hat. Was sie reizte, war die Verunsicherung der Verhältnisse, die ein Unbehagen auslöst, weil am Ende niemand mehr weiß, wie er sich verhalten soll.

          Dass westliche Frauen ihr selbstbestimmtes Leben nur mit Hilfe oft genug migrantischer Frauen bewältigen können, die dafür wiederum die eigenen Kinder in der Heimat zurücklassen, wird immer wieder diskutiert. Leïla Slimani wendet die Thematik anders. Denn hier hat die Mutter Myriam nordafrikanische Wurzeln, während Louise jener Schicht französischer Kleinbürger entstammt, die den Lebensstandard nicht halten konnte und ins Prekariat abgerutscht ist. Es sind dieser Abstieg und die damit einhergehende Kränkung sowie die Gewissheit, mit den eigenen Problemen alleingelassen zu werden, die Louises explosiven Gefühlscocktail zusammenrühren. Leïla Slimani erzählt davon in einem unheimlichen Realismus: ein Sittenbild, wie mit dem Rasiermesser ausgeschnitten.

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