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Leïla Slimanis neuer Roman : Die Hand an der Wiege

Leïla Slimani urteilt weder über die einen, noch entschuldigt sie die andere, sondern zeichnet vielmehr die Anatomie eines verhängnisvollen Nichtverhältnisses zwischen Mutter und Nanny. Bereits in ihrem Romandebüt „Dans le jardin de l’ogre“ (2014) steht eine pathologische Heldin im Zentrum. Jetzt korrespondiert die Einsamkeit der wahnhaften Louise mit jener von Myriam. Die Juristin ist eine Frau unter Druck, die Nachtschichten einlegen muss, um ihre Aktenberge zu bewältigen, aber auch bei Dinnerpartys noch eine gute Figur machen will. In diesem auf Effizienz getrimmten Alltag bleibt für Zweifel oder Nachfragen kein Raum. Nur indem Myriam die Organisation der Familie delegiert und Probleme ausblendet, ist ihr dieses Leben überhaupt möglich. Nur so kann sie die Widersprüche ihres Alltags aushalten. Dazu zählen nicht zuletzt die ungeklärten Machtverhältnisse im Hause Massé.

Aus Liebe erwächst der Hass

Louise befindet sich trotz legaler Anstellung in einem prekären Arbeitsverhältnis, in dem alles in der Schwebe bleibt. Slimani erkennt darin ein Symptom unserer Zeit, dass häusliche Arbeitsverhältnisse nicht als solche gehandhabt werden. Vielmehr geben sich alle nett zueinander, es geht schließlich um die Kinder, und reden scheinbar auf Augenhöhe. Doch verkompliziert das in Slimanis Lesart die Dinge. Denn bei aller zur Schau getragenen Toleranz reicht ein falscher Ton, um Misstrauen zu befördern. Subtil enthüllt Slimani die Widersprüche unserer Gegenwart, wenn Louise, die sich als Teil der Familie wähnen soll und mit in den Urlaub genommen wird, sich plötzlich auf ihren Angestelltenstatus zurückverwiesen findet, ohne jegliche Erklärung. Auch wenn sie krank ist, kann sie nicht einfach einen Krankenschein einreichen, sondern muss der hysterischen Myriam am Telefon erklären, warum sie nicht auch mit Fieber zur Arbeit erscheinen könne.

Vor allem aber weiß Louise insgeheim, dass ihre Tage bei den Massés spätestens dann gezählt sein werden, wenn die Kinder alt genug sind, um in die Vorschule zu gehen. Dass sie sich für die Familie aufopfere, um dann, wenn ihre Dienste nicht mehr benötigt würden, entsorgt zu werden wie ein alter Putzlappen – so denkt sie. Und aus Liebe und Zuneigung erwächst der Hass.

Unheimlicher Realismus

„Chanson douce“, so der Originaltitel, liegt tatsächlich ein realer Fall zugrunde. Einer New Yorker Familie an der Upper West Side widerfuhr genau das, wovon Slimani hier erzählt, doch will die Autorin ihren Roman nicht als dessen Fiktionalisierung verstanden wissen. Sie hat weitere Fälle mit ähnlicher Motivlage recherchiert, etwa den des Kindermädchens Louise Woodward, nach der sie ihre Figur benannt hat. Was sie reizte, war die Verunsicherung der Verhältnisse, die ein Unbehagen auslöst, weil am Ende niemand mehr weiß, wie er sich verhalten soll.

Dass westliche Frauen ihr selbstbestimmtes Leben nur mit Hilfe oft genug migrantischer Frauen bewältigen können, die dafür wiederum die eigenen Kinder in der Heimat zurücklassen, wird immer wieder diskutiert. Leïla Slimani wendet die Thematik anders. Denn hier hat die Mutter Myriam nordafrikanische Wurzeln, während Louise jener Schicht französischer Kleinbürger entstammt, die den Lebensstandard nicht halten konnte und ins Prekariat abgerutscht ist. Es sind dieser Abstieg und die damit einhergehende Kränkung sowie die Gewissheit, mit den eigenen Problemen alleingelassen zu werden, die Louises explosiven Gefühlscocktail zusammenrühren. Leïla Slimani erzählt davon in einem unheimlichen Realismus: ein Sittenbild, wie mit dem Rasiermesser ausgeschnitten.

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