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„Planet Magnon“ von Leif Randt : Eine Welt ohne Liebesschmerz, wie wäre die?

  • -Aktualisiert am

Ob Leif Randt in phantastischer Ferne nur unser Erdenleben nachstellt? Dieser Mond jedenfalls zierte einmal eine Ausstellung im Oberhausener Gasometer. Bild: AP

Ganz schön abgebrüht, diese Sachlichkeit: Leif Randt erkundet in seinem Roman „Planet Magnon“ eine Galaxie, in der man Mitgefühl und Begeisterung einfach beseitigt hat.

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          Der wichtigste Satz fällt auf Seite 184. Marten, der Ich-Erzähler in dem Roman „Planet Magnon“, ist gerade von einer Farm zurückgekommen, die er auskundschaften sollte. Nun berichtet er seiner Kameradin Emma, was er dort gesehen hat, und wie es ihm eigen ist, reflektiert er dabei seine Art des Kommunizierens gleich mit: „Ich spreche ruhig und fange nicht mit den entscheidenden Dingen an, sondern mit denen, die mich berührt haben.“

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Was so lapidar klingt und sich deswegen von dem Ton, den der 1983 geborene Leif Randt in seinem neuen Roman anschlägt, auch eigentlich nicht groß abhebt, birgt dennoch einen Schlüssel zu dessen Verständnis. Denn auf der Grundlage der einfachen Umkehr, die der zitierte Satz ausdrückt – Seit wann sind Dinge, die einen berühren, nicht mehr entscheidend? –, entwirft Randt eine utopische Welt, die, in eine Science-Fiction-Erzählung gekleidet, von einer Einstellung namens „Postpragmatismus“ geprägt ist. Für das Kollektiv der „Dolfins“, dem der Erzähler Marten angehört und das im Grunde nichts anderes als eine nach bestimmten Normen funktionierende Gesellschaft darstellt, der man bei ausreichender Befähigung beitreten kann, bezeichnet dieser Postpragmatismus eine Seinsweise, die nur dem Moment verhaftet ist, alles Geschehen rational durchdringt und Einflüssen anderer Kollektive offen gegenübersteht. Das Ideal der Dolfins besteht also darin, neben einer gewissen Sachlichkeit und Kontrolliertheit keiner bestimmten Idee zu folgen, oder anders ausgedrückt: einer Idee zu folgen, die ständig im Fluss ist.

          Der Autor Leif Randt
          Der Autor Leif Randt : Bild: Felix Seuffert

          Folgerichtig fühlen sich die Dolfins bedroht, als in dem Planetensystem, in dem sie leben, ein neues Kollektiv zu entstehen droht, das nicht nur an eine bestimmte Idee glaubt. Sondern dessen Idee sich auch noch auf einen Zustand bezieht, den die Dolfins quasi als präpragmatisch begreifen müssen – gemeint ist damit, natürlich, die Liebe. Denn die sogenannten Hanks, deren Adepten sich auf der genannten Farm versammeln, glauben an das Recht der „gebrochenen Herzen“. Sie glauben, dass ein sachliches, vom Schmerz befreites Universum eine Illusion ist und dass man den Menschen das „Bewusstsein für das eigene Unglück“ zurückgeben müsse. Nicht, dass die Menschen dadurch automatisch glücklicher würden. Aber – und dies ist eine weitere von den vielen hübsch verschnörkelten Ideen, aus denen Leif Randt seine schöne neue Welt zusammensetzt – die Hanks versprechen ihnen zumindest „Restchancen auf halbes Glück“, will sagen: „Sympathie. Anerkennung. Diskurs. Erkenntnis“.

          Ist Schmerz ein schützenswertes Gut?

          Das Ganze ist weniger kompliziert, als es klingt. Denn wenn man diese, am Ende des Buches auch in einem langen Glossar eigens aufgedröselte Begrifflichkeit um Kollektive und ihren Pragmatismus einmal beiseiteschiebt, stößt man in dem Roman von Leif Randt schnell auf einen Kern, der jedem Leser vertraut sein dürfte, weil seine Bedeutung noch nie an eine bestimmte Zeit gebunden war, also auch nicht an die Zukunft. Es stimmt zwar, Leif Randt betreibt einen beachtlichen Aufwand, um seiner Geschichte den Anschein des Zukunftsträchtigen zu verleihen: Seine Kapitel heißen nicht Kapitel, sondern Episoden und sind in Unterkapitel gegliedert, welche die Namen der Planeten tragen, auf denen sie spielen. Sein Universum ist ein von politischen und gesellschaftlichen Debatten weitgehend befreiter Raum, in dem eine künstliche Intelligenz die Macht übernommen hat, wobei sie mit Hilfe statistischer Daten für eine Gerechtigkeit sorgt, die von (fast) allen auch als solche anerkannt wird. Es gibt Planeten, auf denen der Müll entsorgt wird, und Versorgungssicherheit für alle und jeden.

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