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Leif Randt: Schimmernder Dunst über Coby County : Die fetten Jahre sind die besten

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Das wahrscheinlich unaufgeregteste Buch der Saison: Leif Randt schildert einen jungen Mann, der mit sich und der Welt zufrieden ist. Und schreibt darüber einen fast epochalen Generationenroman.

          Als in diesem Sommer in Klagenfurt der Ingeborg-Bachmann-Preis vergeben wurde, da erklang es wieder, das Gejammer über die deutsche Literatur: Wo denn die Bücher seien, die mal etwas Neues wagten? Wo sich der Autor finde, dessen Werk nicht nur um persönliche Befindlichkeiten kreise, sondern eine Lebenswirklichkeit in den Blick nehme, die sich über das Café an der nächsten Berliner Straßenecke hinaus erstreckt? Eine Literatur, die nicht nur in sich, sondern in der Zeit, in der sie entsteht, Stoff für Geschichten findet? Das waren so die Fragen. Und man hätte sie für das übliche Geplänkel halten können, für eines der Rituale, von denen in Klagenfurt so viele gepflegt werden, wenn nicht am dritten und letzten Vorlesetag ein junger Mann aufgetreten wäre, dem man schon bald zutraute, die Sehnsucht nach einer literarischen Spiegelung der Gegenwart ein wenig zu erfüllen.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Leif Randt las den (leicht abgewandelten) Anfang seines zweiten Romans „Schimmernder Dunst über Coby County“. Vordergründig geht es darin um einen jungen Mann namens Wim, der mit seinem Leben vollkommen zufrieden ist. Er mag seine Freundin Carla, trifft sich mit seinem besten Freund Wesley und freut sich mit beiden auf den nahenden Frühling. In dieser Jahreszeit kommen die meisten Touristen in die Stadt, überwiegend „Freiberufler aus den westlichen Metropolen“. Der Frühling ist die schönste Jahreszeit in CobyCounty. Der Beschreibung nach erinnert er an die Winter in Miami Beach, in denen wohlhabende, gutaussehende Urlauber zwischen blankpolierten Hoteltürmen und dem breiten Strand aus feinkörnigem Sand hin- und herpendeln. Und auch wenn CobyCounty im Roman zwar ausdrücklich nicht in Amerika und auch nicht in Europa liegt, sondern in irgendeinem namenlosen Land, muss man es doch als Parodie auf ebendiese Wellness-Oasen unserer Welt verstehen.

          Hinter dem nüchtern-lakonischen Stil wird lauernde Satire entblößt

          In Klagenfurt fiel der Text aber nicht nur wegen dieses ungewöhnlich friedvollen Settings auf, sondern auch, weil er sehr gut vorgetragen wurde. Nun sollte man zwar meinen, dass, wer vor Publikum einen Text vorlesen muss, vorher zu Hause ein wenig geübt hat. Das war aber offensichtlich nicht so. Leif Randt war einer der wenigen, der es verstand, seinem Beitrag mit seiner Stimme eine Richtung zu geben. In seinem Fall bedeutete das, die hinter dem nüchtern-lakonischen Stil lauernde Satire zu entblößen. Das war insofern wichtig als dass, wer den Auszug beim Wort nahm, enttäuscht sein musste. Was sich in Klagenfurt andeutete, bestätigt sich beim Lesen des nun erschienenen Romans: „Schimmernder Dunst über Coby County“ ist wahrscheinlich das unaufgeregteste Buch der Saison.

          Das Besondere daran ist aber nicht nur, dass wenig Folgenreiches geschieht. So ereignen sich zwar potentiell dramatische Dinge: Die Hochbahn springt aus der Verankerung, und die Bewohner der Stadt versammeln sich vor den Bildschirmen und applaudieren den heraneilenden und letztlich erfolgreichen Rettungskräften; auf den Hügeln im Hinterland gehen ein paar Villen in Flammen auf, aber niemand kommt zu Schaden; die Meteorologen kündigen einen Jahrhundertsturm an, die gesamte Stadt wird evakuiert, nur Wim und seine Freunde bleiben – und sehen ein Gewitter vorbeiziehen, in dessen Verlauf es nicht einmal regnet.

          Die Gefahr kommt nicht von außen, sondern von innen

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