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Leif Randt: Schimmernder Dunst über Coby County : Die fetten Jahre sind die besten

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Das Besondere an diesem Buch ist vor allem, dass der Ich-Erzähler Wim Endersson über sein Leben berichtet, als wäre es ein zwar sonnenbeschienener, aber nicht gerade reißender Strom. Und dass er darüber alles andere als unglücklich ist. Wim ist sechsundzwanzig Jahre alt und arbeitet als Agent für junge Literatur. Zwei, drei Mal in der Woche trifft er sich mit Carla, mit der er seit ein paar Jahren zusammen ist, ohne dass dieses Verhältnis jemals benannt worden wäre. Wim reicht es zu wissen, dass er „regelmäßig mit der talentierten Carla Soderburg schläft“. Wenn er nicht mit Carla unterwegs ist, trifft er sich am liebsten mit Wesley. Mit ihm hat er im Laufe der Jahre einige Codes entwickelt, derer sich beide bedienen, wenn sie sich ihrer Freundschaft vergewissern wollen: Dann trinken sie Kaffee aus Tassen mit Tiergesichtern oder fahren auf ihren Fahrrädern durch die Stadt – nicht sitzend, sondern stehend, weil man das als blasierter Twentysomething eben so macht.

Es dauert dann nicht lange, bis sowohl Wesley als auch Carla aus diesem ritualisierten Kosmos ausbrechen. Carla hat sich in einen anderen verliebt, Wesley bricht auf zu einer Reise, von der er verändert zurückkehrt. Die Dinge um Wim geraten in Bewegung, aber Wim lässt sich davon nicht beeindrucken, er bleibt der zufrieden wirkende und seltsam teilnahmslose Zeitgenosse, dessen Abgeklärtheit zuweilen an Apathie grenzt. Wim fühlt nicht, er denkt, was er fühlt. Er lebt sein Leben nicht, er konsumiert es und erinnert darin durchaus an Christian Krachts Antihelden aus „Faserland“ – mit dem entscheidenden Unterschied, dass Wim an seinem Dasein weder leidet noch verzweifelt. Er ist nicht von Selbstzerstörung bedroht, sondern von Selbstgenügsamkeit. Die Gefahr kommt nicht von außen, sondern von innen. Sie liegt in Wim selbst.

Was bleibt dann am Ende noch von den Dingen?

Dafür liefert vor allem die Sprache, derer sich Leif Randt in seinem Roman sehr routiniert bedient, eine Reihe von Hinweisen. Wim verrutschen die Sätze. Oftmals klingt er ironisch oder sarkastisch, obwohl er das gar nicht möchte. Ständig findet er etwas „total angenehm“ oder „total angemessen“, seine Liebe zu Carla nennt er „gut organisiert“, mehrmals fällt auch der Satz „Uns geht es eigentlich allen sehr gut“. An einer Stelle heißt es: „Im Grunde könnte man in CobyCounty ja auch bis fünfundvierzig oder sogar bis neunundvierzig noch so weiterleben wie mit neunzehn oder mit sechsundzwanzig.“ Und genau das hat Wim Endersson vor. Er hat das Glück, an einem Ort geboren zu sein, der seinen Kindern alles in die Wiege legt: die Sonne, das Meer, den Reichtum, die Möglichkeiten. Hier muss sich niemand für irgendetwas anstrengen und also auch für nichts begeistern. So verbringt Wim seine Tage in einer Art Halbschlaf, dem vieles zum Opfer fällt.

Denn der Preis, den er für sein ungetrübtes Dasein bezahlt, ist hoch. Er liegt nicht nur in dem Verzicht auf Empathie, Rausch, Leidenschaft, irgendeine Form von Ich-will-mehr. Er liegt auch in dem Verlust jedweden Standpunkts: Wenn nicht einmal die Ironie als das genommen werden kann, was sie ist, was bleibt dann übrig? Nach welchen Maßstäben soll man die Dinge bewerten? Und wenn man sich der Wertung auf diese Weise ständig entzieht, was bleibt dann am Ende noch von den Dingen? Indem er diese Fragen aufwirft, wird der Roman von Leif Randt zur Satire auf eine westliche Wohlstandsgesellschaft, in der es keinerlei existentielle Nöte gibt, aber doch einen ideellen Mangel, der alles auszuhöhlen droht.

Dieses schmale, sehr kluge, hellwache Buch einen Epochenroman zu nennen würde zwar sicher zu weit gehen. Und diese Bürde möchte man dem jungen, 1983 in Frankfurt geborenen Leif Randt auch nicht zumuten. Aber ein fabelhaftes literarisches Denkmal für eine Zeit, in der ein Teil der Welt in einer Freiheit, Sicherheit und einem Wohlstand lebte, die keine vorige Generation kannte und die womöglich auch keine nachfolgende mehr erleben wird – das ist sein Buch schon.

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