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: Leichen im Stadtwald

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FRANKFURT. Jetzt hat auch Frankfurt seinen Mankell. Oder seinen Simenon, seinen Dürrenmatt? Rowohlts Wunderlich Verlag spart nicht mit Lorbeer, um seinen neuen Krimi-Autor auf dem Bucheinband anzupreisen: Jan Seghers, der sich offenbar mit seinem Debüt unter die besten europäischen Kriminalromanciers geschrieben hat.

          FRANKFURT. Jetzt hat auch Frankfurt seinen Mankell. Oder seinen Simenon, seinen Dürrenmatt? Rowohlts Wunderlich Verlag spart nicht mit Lorbeer, um seinen neuen Krimi-Autor auf dem Bucheinband anzupreisen: Jan Seghers, der sich offenbar mit seinem Debüt unter die besten europäischen Kriminalromanciers geschrieben hat. Doch nicht einmal Eva-Marie von Hippel, die Programmchefin des Verlags, hätte gedacht, daß dieser Nobody so viele Zuhörer anziehen würde. Offenbar hatte es sich in Frankfurt herumgesprochen, daß hier ein Lokalmatador unter einem Pseudonym Deckung gesucht hat. Deshalb war die Kantine des Polizeipräsidiums bis auf den letzten Platz gefüllt, als der Frankfurter Schriftsteller Matthias Altenburg und "Tatort"-Kommissar Miroslav Nemec das Podium erklommen.

          Altenburg verschwand gleich wieder, um seinen Roman unter dem Titel "Ein allzu schönes Mädchen" der Vortragskunst des bewährten Schauspielers zu überlassen. Erst nach der Lesung erfuhr man von ihm, daß die Vision eines "Waldmädchens" nicht nur dem Buch seinen Titel gegeben, sondern es initiiert hatte. Mit der streunenden Titelheldin, die als einziges Familienmitglied einen Autounfall in den Vogesen überlebt, aber ihr Gedächtnis und Gefühl verloren hat, beginnt der Roman. Manon, wie sie genannt wird, läßt sich von drei jungen Männern nach Deutschland mitnehmen. Offenbar endet die Fahrt im Frankfurter Stadtwald, denn dort werden zwei Männerleichen gefunden, und der dritte Weggefährte stürzt sich vom Goetheturm, um dem Polizeisturm zu entgehen. Ihre Begleiterin schleicht derweil um den Lerchesberg.

          Die Leichen im Stadtwald schufen eine Verbindung zwischen der Schönen und dem Kriminalhauptkommissar Robert Marthaler, der dem Autor einfiel, kurz nachdem er die Vogesen-Geschichte niedergeschrieben hatte. Ausgerechnet an seinem ersten Urlaubstag muß sich der eigenbrötlerische Kommissar eine durchschnittene Kehle ansehen. Trost findet er allerdings bei einer Prager Kunststudentin, die schon bald in die Wohnung des melancholischen Witwers einzieht. Marthaler hatte seine Frau schon als Student in Marburg verloren, als ein Bankräuber sie als Geisel nahm und erschoß. Nach einer Phase der Depression zog er nach Frankfurt, wo seine Frau begraben wurde, und bewarb sich hier bei der Polizei. Für die Kollegen blieb er stets undurchschaubar. Überhaupt habe er mit seinem Verfasser so manches gemeinsam, räumte Altenburg im Gespräch nach der Lesung ein.

          Der Schriftsteller aus dem Nordend, der schon mit seinem Kurzroman "Landschaft mit Wölfen" (Kiepenheuer 1997) und seinen Essays "Irgendwie alles Sex" (Kiepenheuer 2002) von sich reden gemacht hatte, scheint sich zu schämen, daß er diesmal keine "gehobene Literatur", sondern einen Krimi verfaßt hat. Auch deshalb sei er in ein Pseudonym geschlüpft wie ein Gärtner in seine Arbeitskluft. Dabei hat er sich nicht einmal die Hände schmutzig gemacht. Im Gegenteil: Wenn der Roman im weiteren hält, was er auf den ersten Seiten verspricht, kann sich Altenburg gratulieren. Das detailgetreue Lokalkolorit und die interessanten psychologischen Konfigurationen verheißen eine kurzweilige Lektüre. Und die Spannung stellt sich vielleicht auch noch ein. Nemec jedenfalls lernt schon mal das Babbeln - für den Fall, daß ihm Marthaler eines Tages in einem Drehbuch begegnet.

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