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: Legitimität der Neuzeit? Da muhen doch die Kühe

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Andrzej Stasiuk, dessen Nachnamen die meisten noch immer aussprechen, als stecke die Überwachungsbehörde der DDR darin, wurde in Deutschland vor bald zehn Jahren mit dem Roman "Die Welt hinter Dukla" bekannt, auch wenn kaum jemand einen Schimmer davon hatte, wo Dukla liegt. Wie sollte man sich da ...

          Andrzej Stasiuk, dessen Nachnamen die meisten noch immer aussprechen, als stecke die Überwachungsbehörde der DDR darin, wurde in Deutschland vor bald zehn Jahren mit dem Roman "Die Welt hinter Dukla" bekannt, auch wenn kaum jemand einen Schimmer davon hatte, wo Dukla liegt. Wie sollte man sich da erst die Welt dahinter vorstellen? Trotzdem glauben wir diesem Autor seine rauhbeinigen Geschichten aus dem Wilden Osten so gerne, dass er zum bekanntesten polnischen Gegenwartsliteraten im deutschsprachigen Raum wurde. Albanien, Montenegro, Rumänien, Ungarn, Slowenien, Südpolen - Stasiuks Rapporte aus den hintersten Winkeln Osteuropas kleiden sich oft ins Gewand der Reportage, obwohl es sich eher um Beschwörungen handelt. Sie atmen die romantische Aura des Vergehenden und klagen über die atmosphärischen Kollateralschäden der Modernisierung. "In unserer Welt", so schreibt Stasiuk in "Fado", einem jüngst erschienenen Bändchen mit Reiseskizzen, "gibt es immer weniger alte Dinge und Orte. Bald werden wir die Erinnerung daran verlieren, woher wir kommen, und werden um nichts in der Welt glauben wollen, dass unsere Körper vor gar nicht langer Zeit denselben Geruch ausströmten wie die der rumänischen Hirten."

          Wer nie die Nase in den Dunstkreis eines Hirten hielt, so lernen wir, der weiß nicht, wie Europa schmeckt. Und wird nicht gewappnet sein, wenn Stasiuks größter Traum in Erfüllung geht: Eines Tages werden Zigeuner auf den Champs-Élysées ihr Lager aufschlagen, Bären aus Bulgarien auf dem Ku'damm ihre Kunststücke vorführen, halbwilde Ukrainer vor den Toren Mailands Kosakeneinheiten bilden, während besoffene, betende Polen die Weinberge an Rhein und Mosel verwüsten, um dort wirkungsvolleren Schnaps zu produzieren. Stasiuk bringt in seiner Feier des bäuerlichen Idylls mitunter unfreiwillig komische Sätze zu Papier: "Irgendwo muhte eine Kuh." In besseren Momenten gelingen ihm Beschreibungen abgelegener Alltagsrituale, etwa im albanischen Pogradec, einer Stadt, die von nichts so beherrscht wird wie vom Billard, durch dessen "geometrische Abstraktion und Kinetik" die besessenen Spieler ihre Alltagssorgen vergessen. An einem südpolnischen Bahnhof hat er junge Männer beobachtet, die die Aufdrucke auf ihren eigenen Sweatshirts nicht lesen können, und in Albanien Menschen angetroffen, die nur noch vor "toten Computern" hocken. Dabei lässt er keinen Zweifel daran, dass diese Spurenlese der Verwüstung durch Zivilisation ein Projekt von historischer Notwendigkeit ist: "Ich beschreibe all das, weil kein anderer es beschreibt", sagt Stasiuk und setzt sich damit in den Rang des letzten Zeugen einer beinahe verschwundenen Welt. Stets auf dem schmalen Grat zwischen nostalgischem Kitsch und schlichtem Kulturpessimismus wandelnd, lehnt der Autor ab, was mit Medien, Beschleunigung und Vernetzung zu tun hat. Bereits am montenegrinischen Straßenbau kann sich sein Zorn entzünden: "In dieser archaischen Landschaft erinnern nur die über die Landstraße gleitenden Autos daran, dass wir im 21. Jahrhundert sind. Dieses Modernisierungsexperiment hat etwas Teuflisches an sich. Alles, was war, wird verworfen im Namen einer Neuzeit, die einer Fiktion, einer Täuschung, einem luziferischen Geisterbild gleicht." Seltsam, dass man Stasiuk, der zu seinen wenigen amerikanischen Vorbildern Jack Kerouac zählt, bereits als osteuropäischen Beat-Poeten sah. Wenn aber der Beat der Ost-Erweiterung auf dieser Schlagzahl bleibt, wird es weiterhin gemütlich zugehen. Irgendwo muht immer eine Kuh.

          STEFANIE PETER

          Andrzej Stasiuk: "Fado". Reiseskizzen. Aus dem Polnischen übersetzt von Renate Schmidgall. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 159 S., br., 9,50 [Euro].

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