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Léda Forgó: Vom Ausbleiben der Schönheit : Flucht aus dem Familienglück

  • -Aktualisiert am

Bild: rowohlt Verlag

Ein komplexer Fall von Integration: Léda Forgós bittere Geschichte weiblicher Selbstbehauptung

          2 Min.

          Ein Kind in die Welt zu setzen scheint von jeher das Normale zu sein. Selbst im gebärmüden Deutschland kommt es täglich bis zu zweitausendmal vor. Was Frauen dabei empfinden, aber kann sich bekanntlich sternenweit von der frohen Botschaft der innigen Sinnbilder des Mutterglücks entfernen. Schon im ersten Roman der deutschschreibenden ungarischen Autorin Léda Forgó, die mit ihren drei Kindern in Berlin lebt, bildete das Motiv der postnatalen Depression eine Klammer der turbulenten Geschichte aus dem Budapester Alltag im Gulaschkommunismus. Wie am Anfang die Mutter sagte am Ende die junge Protagonistin Borka: „Ich will nicht mehr gebären.“

          Auch Lále, die Heldin des neuen Romans, hat ein mehr als zwiespältiges Verhältnis zur Schwangerschaft. Ein Kind von Pável, der in Budapest geblieben ist, lässt sie abtreiben, nur um sich von Pit, dem Windradverkäufer aus Cottbus, erneut schwängern zu lassen. Für Liebeskummer und Selbstmordgedanken, so glaubt sie, sei dann kein Raum mehr. Die Schwangerschaft schönzureden aber gelingt ihr nicht. „Man ist heftig, unverschleiert und dumm. Man riecht und hört vielleicht mehr, aber die Kontrolle hat man endgültig verloren. Man heult und schreit und hat gegenüber allem einen Widerwillen. Besonders dem eigenen Zustand gegenüber: Man will nicht schwanger sein.“

          Alles wäre gut, wenn man sich selbst vergessen könnte

          Schließlich aber ergibt sie sich in den weiteren Verlauf und hält das manchmal sogar für Glück. Das Kind kommt per Kaiserschnitt zur Welt, und obwohl sie sich beschädigt und nicht berechtigt fühlt, sich Mutter zu nennen, ergibt sie sich den Ansprüchen des Säuglings. Alles könnte sogar schön werden, „hätte sie vergessen können, dass Pit ein Ersatzmann war und Nathan ein Ersatzkind. Hätte Lále sich vergessen können.“ Stattdessen aber zieht sie sich bei zunehmender Bindung an das Kind, das ihr den Verlust der jüdisch-ungarischen Wurzeln ersetzt, weshalb es nicht Hermann heißen darf, in eine prekäre Innenwelt der Erinnerung, der wirren Träume und der fragmentierten Wahrnehmung einer zunehmend als widerwärtig empfundenen Gegenwart zurück.

          Mit Nathan flieht sie aus dem zweifelhaften Cottbusser Familienglück nach Berlin. Im kräftezehrenden Kampf um das Kind, in dem sie in ihrer Isolation keine Chance hat, verwandelt sich der Kiez um den Prenzlauer Berg in ein feindseliges Chaos. Nur in den Augenblicken eines regelmäßig fehlgeleiteten sexuellen Begehrens öffnet sie sich zu ihrer Umgebung. Nur im Traum noch erscheint ihr die Zukunft schön.

          Ein assoziatives Ineinander widersprüchlicher Befindlichkeiten

          Léda Forgó erzählt die bittere Geschichte in einem irritierend munteren Ton und mit schwarzgalligem Humor aus einer unordentlichen Innenperspektive. Unbekümmert, wie beiläufig getippt auf der alten Schreibmaschine Marke Erika, folgt die Handlung einem assoziativen Ineinander widersprüchlicher Befindlichkeiten, die sich in fremd anmutenden Bildern und in einer spielerisch gehandhabten Sprache ausdrücken. In dieser Spannung von Form und Inhalt erscheint der Roman rückblickend als ein fortgesetztes Dennoch, als Geschichte der Selbstbehauptung in einer inneren Freiheit, in der das Glücksversprechen gesellschaftlicher Normalität nichts mehr bedeutet. Das Medium der Trennungsarbeit und des Annehmens des unaufgeräumten Lebens ist bei Léda Forgó die Literatur, und zwar die deutsche. Das ist ein komplexer Fall von Integration, der nach aufmerksamen Lesern verlangt.

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