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: Lebens-Lauf

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Dieser Roman mißt 42 195 Meter. Einen Marathon lang erzählt die achtzehnjährige Noor, wie es zu ihrem Lauf gekommen ist. Dabei geht es nicht um sportliche Ambitionen. Noor kämpft nur um eines: um die Wiedergewinnung ihrer inneren Balance. Es ist der lange Lauf zu sich selbst, von dem sie hier erzählt. So ...

          Dieser Roman mißt 42 195 Meter. Einen Marathon lang erzählt die achtzehnjährige Noor, wie es zu ihrem Lauf gekommen ist. Dabei geht es nicht um sportliche Ambitionen. Noor kämpft nur um eines: um die Wiedergewinnung ihrer inneren Balance. Es ist der lange Lauf zu sich selbst, von dem sie hier erzählt. So etwas ist nicht neu in der Literatur, und in der für junge Leser schon gar nicht: In vielen Geschichten hat der Held Aufgaben zu bewältigen, die ihn reifen lassen und ihm bei der Identitätsfindung helfen. Hier fällt der Adoleszenzroman "Lauf um dein Leben" der belgischen Autorin Els Beerten auf, der vom Bewältigungsversuch einer acht Jahre dauernden Krise erzählt. Die Willkür, mit der Noor von ihren Erinnerungen heimgesucht wird, wird von der Montage der Geschichte gespiegelt: Ständig springt die Zeit vor und zurück. Der Countdown des Marathonlaufs, der die Rahmenhandlung bildet, ist die einzige chronologische Maßgabe.

          Mit zehn Jahren verliebt Noor sich in den Nachbarsjungen Mattia. Es ist allerdings seine Schwester Rosie, ihre beste Freundin, mit der sie erste erotische Erfahrungen macht. Geheimhaltung wird zum obersten Gebot, und da Linda permanent die Dritte im nachbarschaftlichen Mädchenbunde ist, bedarf es ausgeklügelter Spielstrategien, um kostbare Minuten zu zweit zu erhaschen. Dem Tag, an dem Noors Kindheit abrupt endet, nähert sich die Erzählung nur zaghaft. Ein Unglück ist geschehen, wie es jeden treffen kann, ein Unfall beim Spielen, in einem Damals, das für Noor gegenwärtiger ist als die Gegenwart - eine Zäsur, nach der sie in einen qualvollen Zustand des Überwachseins gerät. Soziale Kontakte, seien es auch nur Gespräche, bereiten ihr Unbehagen. In ihrem Leben scheint kein Platz mehr für Entspannung oder Freude. Das Schuldgefühl sitzt tief.

          Noors Lauftalent zeigt sich zufällig. Eines Abends zieht es sie raus, sie rennt bis zur körperlichen Erschöpfung und entdeckt dabei ein neues, befreiendes Gefühl: daß sie den Gedanken entfliehen kann. Die Eltern fördern sie nach Kräften, und bald läuft Noor im Verein. Doch die allseitige Begeisterung für ihr Talent weckt bei ihr keinerlei Ehrgeiz; sie fürchtet sogar, mit ihren Siegen die Vereinskameraden zu brüskieren. Auch hier ist Noor isoliert. Für sie aber wird das Laufen zum Schonraum, es bietet die einzige Auszeit von der Erinnerungstortur.

          "Lauf um dein Leben", 2004 als bester niederländischer Jugendroman mit dem "Gouden Zoun" ausgezeichnet, blendet Biographieszenen einer versehrten Persönlichkeit ineinander, die aus stillen Reserven eine eigenwillige Widerstandskraft schöpft. Der Dramatik des Geschehens begegnet die Autorin mit einem trotzig lebendigen Erzählen, das Traurigkeit und Angst mit den Momenten der Begeisterung und Erleichterung stimmig vereint. Schonungslos ehrlich und distanzlos kann Noor, die im direkten Gespräch geradezu verstummt ist, als Ich-Erzählerin berichten. Diese Stimme ist authentisch und anziehend, man folgt ihr in die Abgründe ihrer Angst. Noors eigentliche Leistung besteht, viel mehr als in der körperlichen Anstrengung des Marathons, in diesem Erzählen von unterwegs, aus dem Schonraum des Laufens heraus, der es ihr erlaubt, so nah bei sich zu sein, daß sie sich mitteilen kann. Dem aus den Fugen geratenen Lebenslauf setzt sie den Lauf ihres Lebens entgegen - und dieses berührende Protokoll.

          SIMONE GIESEN

          Els Beerten: "Lauf um dein Leben". Aus dem Niederländischen übersetzt von Rolf Erdorf. Sauerländer Verlag, Düsseldorf 2005. 248 S., geb., 14,90 [Euro]. Ab 13 J.

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