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: Leben wie die Filmstars

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Mit dem Ruhm ist es folgendermaßen bestellt: Wen immer er trifft, der kann ihm kaum entkommen. Alles taucht er in sein grelles Licht. Und alles, was der Berühmte berührt, verbreitet fortan stetig seinen Glanz. Ob Brille oder Zigarettenspitze, Jacke oder Hose, Rüschenhemd oder E-Gitarre - ganz wie ...

          Mit dem Ruhm ist es folgendermaßen bestellt: Wen immer er trifft, der kann ihm kaum entkommen. Alles taucht er in sein grelles Licht. Und alles, was der Berühmte berührt, verbreitet fortan stetig seinen Glanz. Ob Brille oder Zigarettenspitze, Jacke oder Hose, Rüschenhemd oder E-Gitarre - ganz wie bei einer aggressiven Infektion, nur mit umgekehrter Wertung, haftet Ruhm an sämtlichen Objekten, die je mit ihm in Kontakt kommen. Nur deshalb sind ja Autogrammkarten begehrt, weil sie mit dem Tintenschnörkel die Realpräsenz des Stars verheißen, der sie wenigstens kurz in der Hand gehalten haben muß. Ihre Strahlkraft überdauert sogar oft den Unterzeichner. Denn wie auch Fixsterne für uns noch lange weiterscheinen, wenn ihr Kern schon längst verglüht ist, so leuchten wahre Stars erst recht in der glühenden Verlorenheit ihrer Fans. Davon lebt der Autogrammhandel, das Geschäft mit akuter Erregerübertragung, und davon handelt der zweite Roman von Zadie Smith.

          In den vergangenen drei Jahren hatte die Londoner Autorin zweifellos Gelegenheit, viel über das Thema Ruhm nachzudenken, stieg ihr eigener Stern doch kometengleich empor. Eine bis dahin völlig unbekannte vierundzwanzigjährige Cambridge-Absolventin jamaikanischer Abstammung erzählte in ihrem fulminanten Debütroman "Zähne zeigen" eine ausufernde Familiensaga, so spannungs- wie kontrastreich. Hätte es Zadie Smith nicht gegeben, sie hätte erfunden werden müssen, schrieb später der "Guardian" nicht ohne Selbstkritik. Denn der enorme Verkaufserfolg des Buches (über eine Million verkaufter Exemplare allein in Großbritannien) war auch von der entschiedenen Medienmeinung mitgetragen, hier finde die zeitgenössische, multikulturelle britische Gesellschaft endlich ihre Stimme: cool und doch geschichtsträchtig, witzig, ohne flach zu sein. Längst ist der Roman verfilmt. Kurz nach Erscheinen aber war auch bereits zu hören, dies sei wieder mal ein Fall des typischen Debüt-Problems: Nach dem mehrfach preisgekrönten ersten Roman könne nur die Krise folgen.

          Mit "Der Autogrammhändler" hat Zadie Smith es nun allen Unkenrufern gezeigt und die Bürde der Berühmtheit flott zu ihrer neuen Fabel aufbereitet. Ihr Held Alex-Li Tandem entstammt einer chinesisch-jüdischen Familie, ist selbst eher Agnostiker, macht dafür aber mit dem Glauben anderer um so bessere Geschäfte: Er verkauft ihnen die Devotionalien großer Stars, bei starker Nachfrage auch mal aus eigener Produktion. Dabei hat er selbst einen unerfüllten Traum. Seit Kindertagen wünscht Alex-Li sich das Autogramm einer legendären Hollywood-Diva, der er sein Anliegen wöchentlich schriftlich erklärt. An ihrem Fanclubpräsidenten aber scheitert er seit Jahren wie der Ritter an der Dornenhecke. Der Roman erzählt, wie der Held nach vielen Prüfungen schließlich doch zu seiner Prinzessin in New York vordringen und sie aus der Verwunschenheit erlösen kann. Und wie bei jeder Aventiure begegnen ihm hier sowohl Helfer als auch Schurken - und natürlich eine rätselhafte Schönheit, die sich von letzterem zu ersterem wandelt. So weit, so märchenhaft. Was aber geht uns das alles an?

          Auf mehr als vierhundert langen Seiten bietet der Roman auf alles eine Antwort, nur nicht auf diese eine Frage. Wir erfahren alles mögliche über jüdische Mystik und die Kabbala, über Zen-Buddhismus und das Geschäft des Autogrammhandels, wir werden mit Sentenzen von Kafka, Marilyn Monroe, Peter Handke, Madonna und dem "Schlaumeier" Walter Benjamin belehrt sowie über die Entstehungslegenden von "Casablanca" aufgeklärt. Wem das nicht genügen sollte, um darin eine ernstzunehmende Autorin zu erkennen, findet außerdem den Nachweis, daß sie es mit den bedeutendsten Kollegen aufnimmt: Ihre Erkundung von Popkultur und Mythensucht ist noch dezidierter als bei Salman Rushdie, ihr multikulturelles Typenarsenal noch reichhaltiger als bei Hanif Kureishi; sie kann für ihre Londoner Jungs noch absurdere pubertäre Ticks erfinden als Nick Hornby und noch härtere Saufszenen schreiben als Martin Amis. Nur leider kann uns nichts von alledem für ihre Geschichte einnehmen.

          Der Vorwurf, Zadie Smith sei für ihren zweiten Roman nichts eingefallen, kann als widerlegt gelten. Aber vor lauter Knallbonboneffekten findet sie keinen Tonfall, vor lauter Kabinettstückchen keinen Erzählrhythmus. Wirklich traurig aber wird es immer dann, wenn die Erzählerin selbst zeigen muß, daß sie ihren Einfällen nicht traut. Immer wieder müssen die Figuren darauf hinweisen, daß sie dieses oder jenes ja nur so sagen oder machen, weil es in der Art bereits in so und so vielen Fällen im Kino oder Fernsehen zu sehen war. Noch die Selbstironisierung funktioniert hier als Remake - dann schauen wir uns doch lieber gleich die Filme an. Hinzu kommt eine teils stolpernde, teils stelzende, teils fehlerhafte Übersetzung; so ist ein "diary" bei Geschäftsleuten kein Tagebuch, sondern der Terminkalender. Mit diesem Roman über den Ruhm ist es daher folgendermaßen bestellt: Er ist ein Mundschutz, eine begrenzte Abwehrmaßnahme gegen mediale Ansteckungen. Wir freuen uns, wenn die Autorin später einmal wieder ohne solche Masken zu uns spricht. Seit letztem Jahr hat Miss Smith sich, wie man hört, zum Studium des europäischen Romans nach Harvard zurückgezogen.

          Zadie Smith: "Der Autogrammhändler". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Droemer Verlag, München 2003. 437 S., geb., 22,90 [Euro].

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