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: Leben ist Sprechen

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Wer sich in jungen Jahren dazu entschlossen hat, Schauspieler zu werden und die Welt von der Bühne herab in vielerlei Rollen zu beglücken, der nimmt vieles auf sich, um seinen Traum zu verwirklichen. Raben Drahtzaun, der helvetische Bauernsohn mit dem seltsam sperrigen Namen, scheint seinem Lebensziel ...

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          Wer sich in jungen Jahren dazu entschlossen hat, Schauspieler zu werden und die Welt von der Bühne herab in vielerlei Rollen zu beglücken, der nimmt vieles auf sich, um seinen Traum zu verwirklichen. Raben Drahtzaun, der helvetische Bauernsohn mit dem seltsam sperrigen Namen, scheint seinem Lebensziel nahe, als ihn kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs das Örlewitzer Stadttheater per Telegramm als neuen "Männerspieler" engagiert. Den Herzog Alba im "Egmont" soll der junge Mann in der Provinzstadt geben, hinter deren Phantasienamen sich, wie man vermuten darf, das sächsische Görlitz verbirgt. Das Engagement klingt vielversprechend, nur hat der geschäftstüchtige Theaterleiter angesichts der verlockend niedrigen Gage, die er für den Neuling aus der Schweiz zahlen muß, auf das branchenübliche Vorsprechen verzichtet. Die Katastrophe läßt sich nicht mehr aufhalten, denn Drahtzauns einzige Bühnenerfahrung besteht darin, daß er in einer Zürcher Inszenierung des "Gestiefelten Katers" gefühlvoll "I-A" gekrächzt hatte.

          Über das Krächzen aber kommt der heisere Mime zum Spott seiner Zuschauer auch in Goethes Stück nicht hinaus, und, schlimmer noch, sein schweizerischer Zungenschlag stößt in der neuen Umgebung überall auf Ablehnung. So barbarisch dürfe kein Schauspieler sprechen, versichern ihm Kollegen, Zuschauer und Kritiker, die ihre Sprachbelehrungen allesamt in ihrer eigenen Mundart vortragen. Das Vertraute gilt eben überall schnell als das Normale, und da Raben Drahtzaun ohnehin von der kulturellen Überlegenheit der Deutschen überzeugt ist, zieht er bald nach Dresden, um dort verbissen Sprachunterricht zu nehmen. Der erneute Mißerfolg ist abzusehen, denn Drahtzauns Lehrer hat selbst so gar keine Vorstellung davon, wie die Übungssätze und -laute, mit denen er seinen eifrigen Schüler traktiert, in korrektem Hochdeutsch zu klingen haben. Raben Drahtzaun aber träumt unverdrossen seinen Traum von der reinen deutschen Sprache und opfert dieser Obsession seine Freundschaften, sein Vermögen und am Ende sogar sein Leben.

          Diese tragikomische Geschichte vom krächzenden Raben, die 1934 zum erstenmal erschien, handelt von nichts Geringerem als von der scheiternden Aneignung der Welt durch Sprache, was immer sonst an schweizerischer Selbstkritik und Selbstparodie darin stecken mag. Erfunden hat sie und ihren unglücklichen Helden ein erfolgreicher Autor: Arnold Kübler, der 1890 geboren wurde, gehörte, als er 1983 hochbetagt im Alter von dreiundneunzig Jahren starb, zu den großen Intellektuellen der deutschsprachigen Schweiz. In seiner Jugend lebte er selbst eine Zeitlang in Deutschland und trat dort auch als Schauspieler auf, bis eine stümperhafte Operation sein Gesicht mit einer großen Narbe entstellte. So wurde er Schriftsteller, schrieb selbst Theaterstücke, die einigen Erfolg hatten, und gründete nach deutschem Vorbild die "Zürcher Illustrierte", die den modernen Fotojournalismus in der Schweiz populär machte. Daraus ging, ebenfalls unter Küblers Leitung, die Monatsschrift "du" hervor, die bis heute Maßstäbe für anspruchsvollen Kulturjournalismus setzt.

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