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Roman „Die Forelle“ : Am Fluss mit Ernstl, Siegi und Kurti

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„Die Forelle“ erinnert streckenweise an die ausufernden Satiren von Thomas Pynchon oder David Foster Wallace: Eine Rasselbande von gutmütigen Hippies und durchgeknallten Hipstern, befeuert von Lachgas und anderen Drogen, verteidigt ihr bedrohtes Revier und ihre Werte gegen die Mächte der Finsternis: Dynamit- und Zuchtlachsfischer, Piefkes und „Sauproleten“, Kapital und Establishment. Die Guten lieben Heimat und Natur, haben aber auch nichts gegen Pariser Charme und britische Coolness. Sie hassen Wien, rauchen Joints in Kette und flechten um die Wette Zitate aus Popkultur und Weltliteratur in ihre Suaden ein. Sie malen die österreichische Barbarei in grellen Farben, aber sie können auch Aquarelle von Tautropfen im Gegenlicht zart hintupfen.

Die Strömung ist wichtiger als der Strom

Fischer knüpft an die großen Traditionen des österreichischen Sprachspiels von Wittgenstein bis Franzobel und Jelinek an. Sein Debütroman bindet nicht die Enden einer pynchonesken Weltverschwörungsparabel zusammen und ist auch kein langer, ruhiger Fluss aus der Mitte eines Pfarrhauses in Montana. Es ist ein hochkomischer, übermütig sprudelnder, strudelnder, gurgelnder Bergbach, der sein Erzählwasser kaum zu halten vermag. Wortspiele und Neologismen wie „lobpudelig“ oder „vertschüssen“ schwimmen „bier und hetzt“ ebenso vorbei wie launige Stilparodien, alberne Kalauer, Abschweifungen über Cézanne oder den Wiener Aktionismus und das terminologische Einmaleins des Fliegenfischens. Und natürlich auch ein paar Bauerntrottel und Dialektbrocken aus dem österreichischen Antiheimatroman; schließlich kam Fischer 1992 in Vöcklabruck zur Welt und besuchte in Thomas Bernhards Gmunden das Gymnasium.

Leander Fischer: „Die Forelle“. Roman. Wallstein Verlag,  Göttingen 2020. 784 S., geb., 28,– €.
Leander Fischer: „Die Forelle“. Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 784 S., geb., 28,– €. : Bild: Wallstein Verlag

Seine Fliegen-Geschichten sind bunt und federleicht gefiedert, aber nur lose gebunden. Manchmal verrauscht Fischers Wasserfall in plätscherndem Gleichmaß, Nonsens oder joyceanischen Delirien; auf die Distanz von fast achthundert Seiten kann dieses zum Anbeißen bestimmte Blendwerk jedenfalls schon ermüden. „So wartete das Ding auf die baldige Vermählung, den Zug kundiger Hand, die gerade den drallen Körper schlang, den Bobbin erneut aufnahm, den Flachs niederband, die Hahnenfeder am Hals applizierte und den Bobbin während des Hechelwickelns wieder links hängen ließ. Ich justierte den Biss an den Seitenflächen der Spule...“ Mit Verlaub, da fehlen Zug wie Biss.

Fischer kann Kunst und Technik des Fliegenbindens oder auch einen Tropfen auf einem Sektglas in atemraubenden Endlossätzen beschreiben. Aber als Autor fischt er fast noch lieber im Trüben entlegener Fachgebiete nach neuen und seltenen Wörtern. Motorentechnik, Medizin, Musik, die Biologie von Giraffe, Dschungelhahn und Rattenschwanz: Ein Muster ist im Gewimmel der Themen und Sphären nicht immer zu erkennen; schließlich hat Siegi Ernstls Musterköchelverzeichnis schon im Prolog verbrannt.

Man kann in diesem Fluss voller Geschichte und Geschichten leicht ertrinken. Die Strömung ist jedenfalls wichtiger als der Strom, der virtuose Flow wichtiger als der Fang. Beim Fischen wie beim Schreiben gilt Ernstls reine Gentleman-Lehre: „Ein Widerhaken sei widersinnig. Der Fisch habe eine faire Chance. Und fingen wir ihn doch, so setzten wir ihn zurück. Nur das Erlebnis zähle, nicht das Ergebnis.“

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