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: Laßt uns so vernünftig sein wie die Pferde

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Übersetzt von Christa Schuenke, illustriert von Anton Chistian und prächtig ausgestattet, zählt dieser "Gulliver" zu den schönsten Büchern des Herbstes: das heitere Meisterwerk der Verzweiflung über unsere Unvernunft. Der Schiffsarzt Gulliver landete, wie jedermann weiß, bei den Liliputanern und später bei den Riesen.

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          Übersetzt von Christa Schuenke, illustriert von Anton Chistian und prächtig ausgestattet, zählt dieser "Gulliver" zu den schönsten Büchern des Herbstes: das heitere Meisterwerk der Verzweiflung über unsere Unvernunft. Der Schiffsarzt Gulliver landete, wie jedermann weiß, bei den Liliputanern und später bei den Riesen. Als dort eine Katze, die dreimal so groß war wie ein Ochse, auf sein Bett sprang, lernte er, daß Quantität in Qualität umschlägt. Ständig mußte er umdenken. Wenn alles viel kleiner oder wenn alles viel größer ist, dann ist alles anders. Dann wird das Gewohnte fremd. Gulliver stellt sich verwundert vor den Spiegel und begreift, wie zufällig und relativ er ist. Er wird nach Anfangsquerelen in beiden Reichen gut aufgenommen, auch wenn die Liliputaner den riesigen Krieger zuletzt wieder loswerden wollen oder die Riesen den Knirps gegen Geld zur Schau stellen.

          Die Herrscher empfangen ihn freundlich, aber dann beginnt erst die Schwierigkeit: Er muß von seinem Heimatland England erzählen und die dortigen Verhältnisse plausibel machen. Aber die sind nicht plausibel. Die Gewöhnung hatte sie als vernünftig erscheinen lassen, aber selbst wenn Gulliver sie beschönigend darstellt, begreifen seine neuen Freunde nicht, wie man so verkehrt leben kann. Sie stellen Fragen und kommentieren die englische Lebensart. Aus dem scheinbar naiven Erzählbuch des Jonathan Swift wird eine bittere Satire. Fast nichts, worauf die Europäer stolz sind, besteht die Probe: Ihr Wissen und ihre Moral, ihr Rechtssystem und ihre Regierungen - das alles taugt nichts, es ist von Geltungssucht, Egoismus und Habsucht zerfressen.

          Das Wunder von "Gullivers Reisen" besteht darin, daß wir ein Buch voll des schwärzesten Pessimismus heiter lesen. Wir blicken von den fremdesten Völkern her auf das eigene Land und finden es so grotesk und verdorben, daß wir schon wieder darüber lächeln müssen. Das eigene Volk wird das fremde. Es streitet um kleinliche Vorteile; die überwiegende Mehrheit wird ausgebeutet für den Luxus der wenigen; es gebraucht seinen Verstand für die Aufbauschung winziger Unterschiede und für den Bau mörderischer Waffen. Jonathan Swift war seit 1713 Dekan von Saint Patrick's in Dublin, aber sein Reisebericht mit seinem fiktiven Realismus ist keine mit Phantasie umkleidete Sonntagspredigt, er moralisiert, aber aus philosophischer Distanz, und er schont die europäischen Theologendispute und Religionskriege nicht.

          Es ist nicht ganz falsch, wenn Swift uns an Wilhelm Busch erinnert, der seinen Schopenhauer gelesen hat und ihn in heiteren Versen serviert. Nur gehört Swift ins achtzehnte Jahrhundert und nach England; er denkt viel politischer als Wilhelm Busch, er hat die Royals vor Augen und die englische Seemacht. Er reagiert gereizt auf den Machtwechsel von 1714, auf den Übergang von Königin Anna zum Hannoveraner Georg I. und den Sturz der Tories. Er kritisiert den Kolonialismus. Vorausgegangen waren die Erfindungen des siebzehnten Jahrhunderts: Teleskop und Mikroskop hatten vor Augen geführt, daß Größe und Kleinheit relativ sind für den Betrachter. Der blickt mit skeptischen Augen auf das menschliche Treiben und treibt die Desillusionierung so weit, daß Gulliver zuletzt nicht mehr zurückkehren will. Er will lieber bei den Pferden bleiben, er kann buchstäblich die Menschen nicht mehr "riechen". Aber ist "Gullivers Reisen" nicht ein berühmtes Kinderbuch? Gewiß, denn die Relativität von Größe und Kleinheit bei Liliputanern und Riesen bringt ständig neue wunderliche Effekte hervor. Gulliver schlägt sich überall einfallsreich durch, das ergibt einen spannenden Abenteuerroman. Aber man täusche sich nicht - das Werk hat vier Bücher, nicht nur die zwei ersten, in denen Gulliver zuerst zu den Liliputanern, dann zu den Riesen kommt. Das dritte Buch erzählt, wie er an die Wissenschaftler gerät, die außer ihrem Fach nichts verstehen und scharfsinnig die unsinnigsten Hypothesen verfolgen. Sie denken nur in Linien und Figuren und begreifen nicht, daß die reale Welt anders ist als ihre Geometrie. In dieser Akademie - einer Parodie auf die Royal Society - gibt es eine Abteilung für Sprachwissenschaft. Sie plant, die Sprache des Landes zu verbessern. Sie verhält sich ungefähr so wie unsere Rechtschreibreformer, nur arbeitet sie etwas gründlicher. Sie stutzt alle vielsilbigen Wörter auf eine einzige Silbe zurück und will zuletzt auch noch die Verben fortlassen, schließlich gebe es für jedes vorstellbare Ding ein Substantiv. Und noch besser sei es, jeder bringe die Gegenstände selbst mit, die er meine. Die Akademie gebraucht ihre Vernunft, um ihre Unvernunft zu rechtfertigen und die Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen.

          Zuletzt, im vierten Buch, kommt Gulliver zu den weisen Pferden, den Houyhnhnms. Er erlernt deren Sprache und begreift ihre Lebensweise, die vollendete Utopie. Die Houyhnhnms leben so vernünftig wie Sokrates. Was Lüge und was Krieg ist, das kann man ihnen kaum erklären, denn diese Verkehrtheiten sind ihnen vollständig fremd. Der Vergleich des Menschen mit diesen vernünftigen Tieren fällt zuungunsten des Menschen aus. Das Kinderbuch wird zu einem Lehrstück der Menschenverachtung. Was die Menschen für Vernunft halten, das erweist sich in Gesprächen mit den weisen Pferden als Unvernunft und Gemeinheit; daher ist ihr soziales Leben korrupt, ihre Politik verkehrt.

          Swift steigert die Skepsis im Laufe des Buches. Deswegen sollten Erwachsene vor allem das dritte und vierte Buch lesen. Am Schluß erscheinen die Menschen als eine häßliche, rohe Abart der Tiere. Auch was sie Liebe und Religion nennen, ist unvernünftig. Was Swift mit genüßlich-heiteren Details ausschmückt, ist nicht nur Gesellschaftskritik, sondern auch Zynismus. Das Unbegreifliche an diesem Kunstwerk ist, daß man vergnügt bleibt, während man dies liest. Das hat zu tun mit Swifts Einfallsreichtum und der geschickten Regie seiner Einfälle. Dieser Schriftsteller zeigt bei seiner Überfülle grotesker Szenen und schein-realistischer Bilder vollkommene Disziplin. Er tritt freundlich plaudernd auf seinen Leser zu; er belehrt ihn undogmatisch und mildert die Erschütterung, in die er ihn versetzt. Läßt er ihm einen Hauch von Hoffnung, auch einmal so human zu werden wie die weisen Pferde?

          Der Manesse Verlag hat alles getan, um die Desillusionierung so angenehm wie möglich zu machen. Seine Neuausgabe von Swifts Roman hat alle Chancen, das schönste Buch dieses Herbstes zu werden. An diesem Wurf geriet alles perfekt, von der Papierqualität über die angenehme Buchstabengröße bis zum Einband. Die farbigen Illustrationen von Anton Christian sind eine Augenweide. Die Anmerkungen erschließen die Anspielungen auf die Politik, drängen sich aber nicht vor und ufern nicht aus. Vor allem ist die Übersetzung aus dem Englischen durch Christa Schuenke ein adäquates Meisterwerk. Sie legt vorsichtig die Patina älterer Sprachschichten auf den deutschen Text und vertieft dadurch den Eindruck gutmütigen, opahaften Erzählens. Sie setzt Swifts Technik fort, das Grauen zu mäßigen. Sie gibt dem klassischen Werk einen sanft biedermeierlichen Ton, und das gelingt so vollkommen, daß man erst in einem zweiten Schritt zu überlegen beginnt, ob es ein sprachgemäßes Vorgehen ist, einzelne altertümliche Ausdrücke in eine heutige Sprache einzufügen. Ist das durchführbar, oder bleibt es bei antiquarischen Einsprengseln? Was ist gewonnen, wenn es statt "gemächlich" nun "gemachsam" heißt, was freilich Grimms Wörterbuch als "verstärktes gemach" ausweist? Christa Schuenke handhabt ihre antikisierende Verfremdung so kunstvoll, daß der Leser erst später gewahr wird, ein riskantes Übersetzungsexperiment erlebt zu haben. Die archaisierenden Elemente sind harmonisch eingeschmolzen in Swifts leichte Gangart. Wie Jonathan Swift unmerklich lehrt, was der Mensch ist, so belehrt uns Christa Schuenke unauffällig, daß es einmal eine deutsche Sprache gab, die weniger stromlinienförmig war als die heutige.

          Man muß dieses Buch einfach allen empfehlen - nur nicht Ministern und Ministerpräsidenten. Denn sie müßten darin, wenn ihr Beruf sie nicht schon ganz um den Verstand gebracht hat, schwarz auf weiß die Wahrheit über sich selbst lesen und in unheilbare Melancholie versinken.

          "Gullivers Reisen" ist 1726 in zwei Bänden erschienen. 1728 starb Swifts Freundin Stella. Danach verdüsterte sich unser Autor in seiner Misanthropie immer mehr. Er ist 1745 in geistiger Umnachtung gestorben. Seine Heiterkeit war ein wunderbarer literarischer Kunstgriff.

          Jonathan Swift: "Gullivers Reisen". Roman. Mit einem Nachwort von Dieter Mehl und 16 Illustrationen von Anton Christian. Aus dem Englischen von Christa Schuenke. Manesse Verlag, München und Zürich 2006. 320 S., geb., 59,90 [Euro].

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