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: Laßt uns so vernünftig sein wie die Pferde

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Zuletzt, im vierten Buch, kommt Gulliver zu den weisen Pferden, den Houyhnhnms. Er erlernt deren Sprache und begreift ihre Lebensweise, die vollendete Utopie. Die Houyhnhnms leben so vernünftig wie Sokrates. Was Lüge und was Krieg ist, das kann man ihnen kaum erklären, denn diese Verkehrtheiten sind ihnen vollständig fremd. Der Vergleich des Menschen mit diesen vernünftigen Tieren fällt zuungunsten des Menschen aus. Das Kinderbuch wird zu einem Lehrstück der Menschenverachtung. Was die Menschen für Vernunft halten, das erweist sich in Gesprächen mit den weisen Pferden als Unvernunft und Gemeinheit; daher ist ihr soziales Leben korrupt, ihre Politik verkehrt.

Swift steigert die Skepsis im Laufe des Buches. Deswegen sollten Erwachsene vor allem das dritte und vierte Buch lesen. Am Schluß erscheinen die Menschen als eine häßliche, rohe Abart der Tiere. Auch was sie Liebe und Religion nennen, ist unvernünftig. Was Swift mit genüßlich-heiteren Details ausschmückt, ist nicht nur Gesellschaftskritik, sondern auch Zynismus. Das Unbegreifliche an diesem Kunstwerk ist, daß man vergnügt bleibt, während man dies liest. Das hat zu tun mit Swifts Einfallsreichtum und der geschickten Regie seiner Einfälle. Dieser Schriftsteller zeigt bei seiner Überfülle grotesker Szenen und schein-realistischer Bilder vollkommene Disziplin. Er tritt freundlich plaudernd auf seinen Leser zu; er belehrt ihn undogmatisch und mildert die Erschütterung, in die er ihn versetzt. Läßt er ihm einen Hauch von Hoffnung, auch einmal so human zu werden wie die weisen Pferde?

Der Manesse Verlag hat alles getan, um die Desillusionierung so angenehm wie möglich zu machen. Seine Neuausgabe von Swifts Roman hat alle Chancen, das schönste Buch dieses Herbstes zu werden. An diesem Wurf geriet alles perfekt, von der Papierqualität über die angenehme Buchstabengröße bis zum Einband. Die farbigen Illustrationen von Anton Christian sind eine Augenweide. Die Anmerkungen erschließen die Anspielungen auf die Politik, drängen sich aber nicht vor und ufern nicht aus. Vor allem ist die Übersetzung aus dem Englischen durch Christa Schuenke ein adäquates Meisterwerk. Sie legt vorsichtig die Patina älterer Sprachschichten auf den deutschen Text und vertieft dadurch den Eindruck gutmütigen, opahaften Erzählens. Sie setzt Swifts Technik fort, das Grauen zu mäßigen. Sie gibt dem klassischen Werk einen sanft biedermeierlichen Ton, und das gelingt so vollkommen, daß man erst in einem zweiten Schritt zu überlegen beginnt, ob es ein sprachgemäßes Vorgehen ist, einzelne altertümliche Ausdrücke in eine heutige Sprache einzufügen. Ist das durchführbar, oder bleibt es bei antiquarischen Einsprengseln? Was ist gewonnen, wenn es statt "gemächlich" nun "gemachsam" heißt, was freilich Grimms Wörterbuch als "verstärktes gemach" ausweist? Christa Schuenke handhabt ihre antikisierende Verfremdung so kunstvoll, daß der Leser erst später gewahr wird, ein riskantes Übersetzungsexperiment erlebt zu haben. Die archaisierenden Elemente sind harmonisch eingeschmolzen in Swifts leichte Gangart. Wie Jonathan Swift unmerklich lehrt, was der Mensch ist, so belehrt uns Christa Schuenke unauffällig, daß es einmal eine deutsche Sprache gab, die weniger stromlinienförmig war als die heutige.

Man muß dieses Buch einfach allen empfehlen - nur nicht Ministern und Ministerpräsidenten. Denn sie müßten darin, wenn ihr Beruf sie nicht schon ganz um den Verstand gebracht hat, schwarz auf weiß die Wahrheit über sich selbst lesen und in unheilbare Melancholie versinken.

"Gullivers Reisen" ist 1726 in zwei Bänden erschienen. 1728 starb Swifts Freundin Stella. Danach verdüsterte sich unser Autor in seiner Misanthropie immer mehr. Er ist 1745 in geistiger Umnachtung gestorben. Seine Heiterkeit war ein wunderbarer literarischer Kunstgriff.

Jonathan Swift: "Gullivers Reisen". Roman. Mit einem Nachwort von Dieter Mehl und 16 Illustrationen von Anton Christian. Aus dem Englischen von Christa Schuenke. Manesse Verlag, München und Zürich 2006. 320 S., geb., 59,90 [Euro].

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