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: Laßt ihn wieder frei!

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Wie ist ihm denn das passiert? Wir haben uns Patrick Süskind immer als einen Menschen vorgestellt, der sich in seinem geheimen Versteck, wo er seit vielen, vielen Jahren residiert, mit einer so unendlichen Zahl von Skrupeln, Wortbewachern und Rufbeschützern umgeben hat, daß sich niemals ein unbedachtes Wort ...

          Wie ist ihm denn das passiert? Wir haben uns Patrick Süskind immer als einen Menschen vorgestellt, der sich in seinem geheimen Versteck, wo er seit vielen, vielen Jahren residiert, mit einer so unendlichen Zahl von Skrupeln, Wortbewachern und Rufbeschützern umgeben hat, daß sich niemals ein unbedachtes Wort oder gar ein ganzes unbedachtes Werk an diesen vorbei ans Licht der Öffentlichkeit zwängen kann. Jedes Werk, das Süskinds Namen trägt, trug bislang den Stempel einer fast schon beunruhigenden Perfektion. Ob Novelle, Roman, Kindergeschichte, Drehbuch oder Theaterstück - was Süskind in die Welt entließ, war nicht nur phänomenal erfolgreich, sondern paßte jedes- mal in die vom Autor vorgesehene Form hinein, als wäre diese nur für ebenjene eine Geschichte erfunden worden. Das war - fast - das Süskind-Gesetz.

          Und jetzt hat Patrick Süskind einen Essay veröffentlicht, und das schöne Gesetz hat seine Gültigkeit verloren. Zunächst hatte man ihn gar nicht bemerkt, da war er als Nachwort im Drehbuch-Band zum Film "Vom Suchen und Finden der Liebe" erschienen. Anscheinend war man im Verlag ob der ausbleibenden Resonanz enttäuscht und hat diesen Essay nun noch einmal in einem extraschmalen Sonderband herausgebracht. "Über Liebe und Tod" heißt der Text, und es steht alles drin, was Patrick Süskind zu diesem Thema gerade so erlebt oder gelesen hat: Der Autor steht im Stau, im Wagen vor ihm, sitzt ein Liebespaar, sie sehr hübsch, er gar nicht, und die beiden vertreiben sich die Zeit zunächst mit Küssen und später mit noch engagierteren Liebesverrichtungen. Herr Süskind schreibt recht angewidert mit.

          Ein paar Tage später ist er "in einem bürgerlichen Haus zu einem größeren Abendessen eingeladen". Dort trifft er auf ein Liebespaar. Die beiden können den ganzen Abend nicht voneinander lassen, bestehen sogar auf Änderung der Tischordnung, um auch während des Essens nicht voneinander getrennt zu sein, und verlassen "noch vor dem Dessert" die Veranstaltung. Offenbar sehr, sehr verliebt. Doch Süskind fragt: "Ist das die wahre Liebe?" und antwortet verzagt sich selbst: "Es fällt nicht leicht, das zu glauben." Dann schildert er die längst auserzählte Episode der letzten Liebe Thomas Manns zum Kellner Franzl im Hotel Dolder in Zürich. Um auch hier zu bilanzieren: "So kann's nun auch nicht gehen."

          Es ist quälend, Patrick Süskind auf diesen wenigen Seiten zu folgen, wie er traurig-verzweifelt die wahre Liebe sucht. Sie ist halt nicht in den Büchern und meistens auch nicht im Autostau, will man ihm immer zurufen. Aber da hört keiner zu. Das alles ist zunächst nur traurig. Richtig schaurig wird es erst, nachdem Süskind in der Mitte des Buches umstandslos das Thema wechselt: "So munter sich über die Liebe plaudern läßt, so wenig ist über den Tod zu sagen. Er verschlägt uns die Sprache." Und wie wortreich sich Süskind in der Folge nun die Sprache verschlagen läßt, das ist kaum zu ertragen. Tristan und Isolde wird in Jugendsprache nachgeplappert, Kleists Freitod würdelos verquatscht, bis am Ende Orpheus und Jesus in einem sinnlosen Zweikampf gegeneinander ausgespielt werden.

          Es gibt nur eine Lösung: Der wahre Patrick Süskind wurde entführt. Und keiner wird ihm helfen können, weil niemand weiß, wie der echte aussieht, und also niemand den echten Süskind vom falschen unterscheiden kann. Wir wissen nur: Der wahre Süskind hat diesen Essay nicht geschrieben.

          Patrick Süskind: "Über Liebe und Tod". Diogenes Verlag, Zürich 2006. 62 Seiten, br., 6,90 [Euro].

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