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Lars Gustafsson: Der Mann auf dem blauen Fahrrad : Das poröse Verhältnis zur Wirklichkeit

  • -Aktualisiert am

Bild: Hanser Verlag

Wer im Laufe dieser Erzählung nicht an Zeit und Identität zu zweifeln beginnt, der hat keine: Lars Gustafsson zaubert sich einen Roman.

          Jeder kennt das Gleichnis des Chuang-tse, der geträumt hat, er sei ein Schmetterling, und nach dem Erwachen nicht mehr sicher ist, ob er nicht in Wahrheit ein Schmetterling ist, der träumt, er sei Chuang-tse. Wer Lars Gustafssons jüngste Erzählung gelesen hat, kann die Frage fortsetzen: Wie wäre es, wenn der Schmetterling im Traum dem Chuang-tse begegnete und die möglichen Träume sich so ineinander verwickelten, dass ihre Unterscheidung von der Wirklichkeit sinnlos würde?

          Dabei ist es eine ganz einfache Geschichte; nur der Tag ist falsch, es ist sogar ein „komplett höllenmäßig falscher Tag“, an dem Jan Viktor Friberg von seinem blauen Fahrrad fällt. An einem Herbsttag des Jahres 1953 fährt dieser Handelsvertreter der Firma Electrolux durch den Hafen von Västerås (zufällig auch der Geburtsstadt Lars Gustafssons) zu einem abgelegenen Herrenhaus, um dort wie überall seine Haushaltsmaschine der Marke „Assistent“ zu verkaufen.

          Jan ist einerseits „ein durch und durch untauglicher Mann . . . untauglich für das meiste“. Aber er gilt andererseits auch als freundlich und vor allem als phantasievoll, mit einem „seit jeher sozusagen porösen Verhältnis zu dem, was die anderen hartnäckig für die ,Wirklichkeit’ hielten“. Denn Jan besitzt die Fähigkeit, unangenehmen Situationen dadurch zu entgehen, dass er sich in jemand anderen verwandelt und in eine andere Zeit flüchtet.

          Ein Fahrradunfall mit Folgen

          In der Allee aber stürzt er, von Hunden angegriffen, vom Fahrrad und verletzt sich; und so muss er nun im Herrenhaus, statt seine Maschine anzupreisen, um Hilfe und einen Moment Rast bitten. Zufällig wird er Zeuge des etwas gespenstischen Auftritts der sterbenskranken Hausherrin, auf deren Zustand sich anscheinend alles Übrige konzentriert. So bringt man den verletzten Radler in ein Nebengelass und vergisst ihn dort für eine Weile. Er sieht sich um, blättert in zwei Gedichtbänden eines Poeten namens Oswald Grane und findet ein Album mit Fotografien, die offenbar von ebendiesem Dichter stammen; er hat, so scheint es, in diesem Haus gelebt.

          Jan Viktor entkommt seinen Schmerzen, indem er sich blätternd seinen Phantasien überlässt; und ebenso rasch wie unmerklich entgleitet die Szenerie ins Unwirkliche. Besucher erscheinen unvermittelt in seiner Kammer, verwechseln ihn mit irgendjemandem, verlassen und vergessen ihn wieder. Und da Jan hin und wieder in Schlaf fällt, mischen sich die Szenen der alten Fotos und die Bemerkungen der Besucher mit Traumbildern, bis weder ihm noch den Lesern deutlich ist, wer hier wen träumt. Es ist, als habe der Handelsvertreter in dem Augenblick, in dem er die Schwelle des Herrenhauses überschritt, „die Zeitzone“ gewechselt - so deutet es eine der ganz beiläufig eingespielten Metaphern des Erzählers an.

          Der Erzähler gleicht einem tückischen Zauberer

          Tatsächlich erweist sich als das womöglich entscheidende Objekt des zunehmend verwickelten Geschehens eine silberne Taschenuhr, die einst in unauslotbarer Wassertiefe versunken ist wie in einem Schwarzen Loch und die doch zugleich in Jans Hände gerät. Je ungewisser das wird, was eben noch „die eigentliche Welt“ hieß, desto konturenschärfer werden die Anblicke der Fotografien und der von ihnen ausgehenden Geschichten, am Ende zeigen sich die Figuren des Traums plastischer als diejenigen der verschwimmenden Umgebung des Träumers.

          Derart klar sehen wir sie vor uns, dass wir in dem Fotografen, der schließlich selbst im Traum erscheint, für einen Augenblick den träumenden Handelsvertreter wiederzuerkennen meinen, in seinem ungelebten, wahren Leben: der Schmetterling als Chuang-tse. Aber vielleicht ist das wieder eine Täuschung. Denn die Wirklichkeit dieser Geschichte erweist sich als so schwankend, dass schon das Wort „phantastisch“ eine vereinfachende Festlegung wäre. Wer im Laufe dieser Erzählung nicht an Zeit und Identität zu zweifeln beginnt, der hat keine.

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