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: Lagen eines dichtenden Arbeiters

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1961 gehörte er zusammen mit seiner Frau Sarah Kirsch zu den jungen Lyrikern, die Stephan Hermlin bei der legendären Lesung in der Akademie der Künste vorstellte und damit einen politischen Skandal verursachte. Auch Kirsch wurde für sein Gedicht "Meinen Freunden, den alten Genossen" heftig kritisiert. Es endete mit dem Imperativ "Und die Träume ganz beim Namen nennen / Und die ganze Last der Wahrheit kennen" und gehört nun zu den wenigen frühen Gedichten, die es in die Werkausgabe geschafft haben. Mit Sarah und Rainer Kirsch waren damals Karl Mickel und Adolf Endler, Volker Braun und Heinz Czechowski zu entdecken, die als "sächsische Dichterschule" bekannt werden sollten. Besonders den Freunden Mickel und Endler hat Kirsch viel zu verdanken, aber auch seinem Lehrer Georg Maurer, bei dem er von 1963 bis 1965 am Leipziger Literaturinstitut studierte. Ein Diplom erhielt er aus politischen Gründen nicht; Gedichte wie das 1964 entstandene "Empfang in meiner Heimatstadt" standen dagegen. Dabei handelte es sich um Fragen eines lesenden Diktators, der wissen will, wer für die stinkenden Flüsse und die miserablen Häuser verantwortlich ist, der alle Mißstände beseitigen will, aber alles nur noch schlimmer macht und schließlich unter Schimpf und Schande davongejagt wird. Früh schon sind bei Kirsch Spuren ökologischen Denkens zu finden. Natur war für ihn nicht bloß dazu da, gesellschaftlich ausgebeutet zu werden. Auch damit fügte er sich nicht in die realsozialistische Herrschaftsideologie.

1973 wurde er aus der SED ausgeschlossen. Sein Theaterstück "Heinrich Schlaghands Höllenfahrt", eine abgründige, faustische Arbeiterkomödie, mißfiel. Und doch war er immer ganz gut im Geschäft. Er erhielt Aufträge für eine Kinderoper, ein Puppenspiel, zahlreiche Hörspiele, eine Landwirtschaftskantate und eine gereimte Geschichte der Mathematik. Nur wenige dieser Auftragsarbeiten sind in die Werke aufgenommen. Fritz Mierau bot ihm Übersetzungen aus dem Russischen und aus dem Georgischen an. So kam er neben allerlei Lohnarbeit auch zu Jessenin und Achmatowa, Majakowski und Mandelstam, den er für einen der größten Dichter des 20. Jahrhunderts hält. Übersetzungen und Nachdichtungen machen einen großen Teil seines Werkes aus, vielleicht den wichtigsten. Sie fehlen in der Werkausgabe und könnten wohl noch einmal vier Bände füllen. Kirsch erfüllte Arbeitsaufträge. Er war immer ein Arbeiterdichter, denn Dichtungarbeit ist: ein Handwerk, das sich erlernen läßt, das aber sinnlos wäre ohne die besondere Sensibilität und den Erfahrungshunger des Schreibenden.

Formstreng geht es zu in seiner Lyrik, die eine Nähe zu Peters Hacks' Klassizismus nicht verleugnen kann. Das wirkt manchmal hermetisch und sehr fern: Nachrichten aus einer versunkenen Welt. So ist auch Kirschs Vorliebe für Lieder und Kinderlieder zu erklären, die ein Ausweichen in Nonsens und Harmlosigkeit erlauben. Zugleich zwingt das Lied durch Rhythmus, Melodie und feste Strophen aus sich heraus zur Form. Die Schauerballade "Anna Katarina oder Die Nacht am Moorbusch" über eine Männer dahinraffende sächsische Schönheit kommentierte er mit einem Interview, das den historischen Materialismus und marxistische Geschichtsschreibung gehörig auf die Schippe nahm. Unverkennbar, auch in der Prosa und in der Dramatik, sind die Märchentöne und eine spezielle Vorliebe für Könige. Kirsch ist kein Freund egalitärer Gesellschaftsmodelle. Egalität bedeutet für ihn: Keiner soll unnötige Vorrechte haben. Freiheit, sagt er, heißt sachkundig entscheiden können.

Bei der Buchvorstellung im Berliner Brechthaus deutete er, nach seiner Haltung gegenüber dem Tod befragt, hinter sich, in Richtung des Dorotheenstädter Friedhofs, des Orts der toten Dichter. Er habe sich dort rechtzeitig eine Grabstätte gesichert und auch den Grabstein schon anfertigen lassen. Als formbewußter Dichter muß man auf solche Eventualitäten vorbereitet sein. Den Grabspruch, der dann zur Anwendung kommen wird, hat er der eigenen Werkausgabe entnommen, auch wenn die Verse 1968, als sie entstanden, kaum dafür gedacht waren, in Stein gemeißelt zu werden: "Lila ein Schwein saß still auf einem Baum / Und wiegte sich auf zweifelbaren Ästen. / Wir sahens beide, und auf wenigem Raum. / So, manchmal, heilt die Nacht des Tags Gebresten."

JÖRG MAGENAU

Rainer Kirsch: "Werke in vier Bänden". Eulenspiegel Verlag, Berlin 2004. Zus. 1440 S., geb., 98,- [Euro].

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