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: Labyrinth ohne Ausgang

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Es gibt einen spanischen Schriftsteller, der schreibt spannende Geschichten im Dutzend, in denen es vor farbenprächtig ausgeschmückten Mantel-und-Degen-Kulissen vor allem um zweierlei geht, nämlich um die Macht der Bücher und die der Liebe, und wozu diese beiden uns verleiten. In seinem "Club Dumas" ...

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          Es gibt einen spanischen Schriftsteller, der schreibt spannende Geschichten im Dutzend, in denen es vor farbenprächtig ausgeschmückten Mantel-und-Degen-Kulissen vor allem um zweierlei geht, nämlich um die Macht der Bücher und die der Liebe, und wozu diese beiden uns verleiten. In seinem "Club Dumas" etwa gerät ein Bücherjäger auf seiner Suche nach bibliophilen Kostbarkeiten nicht nur an ein verschollen geglaubtes Kapitel der "Drei Musketiere", sondern auch in einen Zirkel, dessen zwielichtige Mitglieder für ihre Verbrechen mit Vorliebe in die Rollen berühmter Romanfiguren schlüpfen. Der Autor versteht seinen Roman als Hommage an die Literatur, doch damit ihm die Leser in all den Zitaten und Querverweisen auch brav bei der Stange bleiben, erzählt er ihnen vordergründig eine Detektivgeschichte. Der Dichter heißt Arturo Pérez-Reverte, ist Mitglied der Königlich-Spanischen Akademie für Sprache, in seiner Heimat ein Bestsellerautor und auch bei uns kein Unbekannter. Seine Motive sind ihm in Fleisch und Blut übergegangen: Bereits als Knabe lernte er fechten, später erbte er die riesige Bibliothek seines Großvaters.

          Es scheint, als habe sein Schriftstellerkollege und Landsmann Carlos Ruiz Zafón diesen Bücherraum besichtigt - oder zumindest die Werke von Pérez-Reverte verschlungen in der Hoffnung, dessen Stil und somit Erfolg eines Tages imitieren zu können. Epigonentum muß nichts Schlechtes sein, solange ein Autor sich das richtige Idole aussucht. Bei Carlos Ruiz Zafón jedoch ist dies fraglich. Zwar ist er mit neununddreißig Jahren ein wenig jünger als sein Vorbild, und auch seine Geschichte spielt in der etwas jüngeren Vergangenheit, nämlich im Barcelona der vierziger und fünfziger Jahre, aber ansonsten läßt er sich sehr wohl mit Pérez-Reverte vergleichen. Ob damit allerdings auch Bestsellerqualitäten einhergehen, wird sich weisen; der Insel Verlag hofft es und macht in seiner Werbekampagne auf die Mund-zu-Mund-Propaganda aufmerksam, die dem Roman in Spanien fünfzehn Auflagen beschert und die spanischen Leser in eine regelrechte "Zafónmanie" versetzt habe.

          Andere Länder, andere Lese-Sitten. Im Zentrum von Ruiz Zafóns soeben auf deutsch erschienenem Roman "Der Schatten des Windes" steht eine Bibliothek und ein Buch. Die Handlung scheint zunächst verworren, ist aber schon bald vorhersehbar. Der zehnjährige Daniel wird von seinem Vater zum "Friedhof der vergessenen Bücher" geführt, wo er sich ein Buch aussuchen soll, für das er Verantwortung übernehmen muß. Daniel adoptiert den "Schatten des Windes", den Roman des rätselhaften Autors Julián Carax, der vor einigen Jahren spurlos verschwunden ist - und all seine Bücher mit ihm. Ruiz Zafón erzählt, wie Daniel zusammen mit seinem Herzensbuch erwachsen wird, und wie sich alles, was er im Laufe der Jahre über Julián Carax herausbekommt, auf seltsame Weise in seinem eigenen Leben spiegelt. Er wird verfolgt, bedroht, er verliebt sich in ein Mädchen, dessen Schicksal ebenfalls mit Carax verknüpft ist, er ringt um die Rettung des geliebten Autors und bezahlt diesen Einsatz fast mit dem Leben.

          Diese Éducation sentimentale erzählt Carlos Ruiz Zafón mit mehr Talent als Tempo, wenngleich man rasch den Eindruck gewinnt, die Detektivgeschichte gehöre eher in ein Jugendbuchprogramm. Dennoch ließe man sich durchaus davon unterhalten, wäre da nicht jener ärgerliche großliterarische Gestus, mit dem der Autor uns unentwegt Banalitäten serviert. Frauen lächeln "bitter" und schauen "flehend", Männer küssen, "ohne nachzudenken", Herzen schlagen "bis zum Hals". Dem Gefühlsüberschwang und der jugendlichen Impulsivität des Ich-Erzählers kann dieser Ton nicht geschuldet sein, da dieser sich als Erwachsener erinnert. Sätze wie "Die Wut, die in ihren Augen loderte, verbrannte mich", sind keine Ausrutscher. Am Ende seufzt Daniel gar " hinter seinem traurigen Lächeln, das ihn durchs Leben verfolgt".

          So vernarrt ist Carlos Ruiz Zafón in seine Figuren, daß ihm die Romanhandlung darüber entgleitet. Dem Versuch der psychologischen Feinzeichnung steht allzu grobe Drastik gegenüber. Die Liebe zu Bea, die Daniel angeblich aufwühlt ("ich stürzte mich auf ihre Lippen"), bleibt ebenso papieren wie die Enthüllung des Geheimnisses von Julián Carax. Ruiz Zafón, der sich zwischen seiner Story und einer diffusen Liebeserklärung an die Literatur nicht recht entscheiden kann, zerfließen am Ende auch die Rätsel, die er uns aufgeben will. Die gelungenste Figur ist die des Fermín Romero de Torres, den Daniel als Bettler von der Straße aufliest und der im Antiquariat seines Vaters zu Nutzen und neuer Lebensfreude findet; die gelungensten Passagen sind jene, die ein längst überbautes, altes Barcelona auferstehen lassen, eine gotisch anmutende Geisterstadt. Will der Leser sich einen letzten Rest Vergnügen an diesem überladenen Roman bewahren, muß er bis zum Schluß fest daran glauben, das dieses Buch sich wirklich "einen Weg zu seinem Herzen" bahnen will. Sonst sollte er dieses Labyrinth besser gar nicht erst betreten.

          FELICITAS VON LOVENBERG

          Carlos Ruiz Zafón: "Der Schatten des Windes". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2003. 527 S., geb., 24,90 [Euro].

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