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Kurt Drawert: Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte : In einer Strafkolonie namens DDR

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Ein Sprachstrom gegen das verordnete Schweigen: Der Lyriker Kurt Drawert hat einen nicht leicht zugänglichen Roman verfasst, der vibriert vor Wut und den sogenannten Abeiter-und-Bauern-Staat als albtraumhafte Vision beschreibt.

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          Dieses Buch ist wie ein Dammbruch. Jahrelang haben sich in diesem Schriftsteller aus der ehemaligen DDR, dem unangepassten Sohn eines hochbeamteten Vaters, Zynismus und Bitterkeit aufgestaut. Bis die Fundamente morsch wurden und der Druck übermächtig. Im ersten umfangreichen Roman des zweiundfünfzigjährigen Lyrikers und Essayisten Kurt Drawert, an dem er vier Jahre gearbeitet hat, bricht sich der Groll gegen die einstige Heimat kraftvoll Bahn. Und dies im ganz wörtlichen Sinn. Die sarkastische Abrechnung mit der ehemaligen DDR strömt als Textungetüm über 320 Seiten hin, dicht gedrängt, ohne Atempausen, Zeugnis eines gewaltigen, unerbittlichen Ingrimms. Abschnitte gibt es im ganzen Roman nicht, die Kapitelüberschriften sind nicht in einem Inhaltsverzeichnis ausgewiesen, was sich schon deshalb erübrigt, als es bloße Impulse sind, welche den Assoziationsfluss voranpeitschen.

          Das macht die Lektüre zu einem ambivalenten Erlebnis. Einerseits nimmt die Dringlichkeit dieser Erinnerungsarbeit, die konzessionslose Vergegenwärtigung dessen, was der Fall war, für das Buch ein. Andererseits ist dieser Roman gegen den Leser geschrieben, so spröde und abweisend gibt er sich, so hochfliegend und hermetisch präsentiert er sich in gewissen Passagen. Nicht unwichtig ist bei einem derart extremen Text die typographische Präsentation. Sie trägt in diesem Falle erheblich zur vorzeitigen Vergraulung des Lesers bei. Mit seinem überalterten Layout schlägt das Buch ihn in die Flucht, anstatt zu verführen.

          Eiskalter Zorn

          Dieser DDR-Roman kommt weniger leichtfüßig daher wie jener von Uwe Tellkamp, und er demonstriert etwa im Vergleich zu Wolfgang Hilbigs überschäumender Wut eher eisgekühlten Zorn. Die Vorzüge von Kurt Drawert zeigen sich aber vom ersten Satz an in der Sprache. Hier verrät sich die Überlegenheit des Lyrikers, der nichts dem Zufall überlässt. Ganz leichthin hantiert er mit einem reichen verbalen Instrumentarium und schiebt Wörter wie auf einem Schachbrett hin und her. Dazu kommt eine ausgeprägte Musikalität, die sich in Rhythmisierung und Melodie des Sprachflusses niederschlägt – alles Faktoren, die den Leser beeindrucken. Kurt Drawerts Sprache ist von gläserner Klarheit. Nie muss er seine Stimme laut erheben. Mit unheimlicher Präzisionsarbeit gelingt es ihm, in die finstersten Seelenwinkel seiner Figuren hineinzuleuchten und die groteskesten Zumutungen des Untertanenstaates bloßzustellen. Dieses Buch vibriert nur so von leisem Hohn, der zersetzend wirkt und die Verhältnisse wortlos entlarvt.

          Wie waren denn die Verhältnisse in diesem Staat, der in Kurt Drawerts Roman nur als Kürzel aufscheint, nämlich als „Deutsche D. Republik“? Die Figur im Zentrum, eine Art moderner Kaspar Hauser, der mal aus der Nähe, dann wieder aus schroffer Distanz gezeigt wird, über weite Strecken aber im Disput um die Wahrheit ringend, ist sich nicht mal sicher, ob dieses wahnhafte Gebilde überhaupt existierte. Immer wieder erscheint der Gedanke daran als Albtraum, als finstere Vision, die durch die Erinnerung des Erzählers erst beglaubigt werden muss.

          Essenz des Terrors

          Der Schrecken soll damit in Form gefasst und rapportiert werden, denn „es müssen Erzählungen sein, die erklären, was man nicht sehen und nicht hören und nicht anfassen kann, Erzählungen, die die Wahrheit der Verhältnisse beschreiben“, erklärt der Erzähler einmal seinem Gesprächspartner Feuerbach. Eine Schlüsselstelle, denn Drawerts Roman zielt gleich aufs Ganze. Er konstruiert nicht unbedingt ein kohärentes Romangebäude. Er bildet seinen Gegenstand auch gar nicht ab. Er will die Essenz des Terrors fühlbar machen. Er will kraft der Literatur die mentale Verkrümmung und Beschädigung jedes Einzelnen nachvollziehbar machen, ein Dokument der Wiederkehr des Verdrängten sein. Ständig mäandrierend, versucht er das einzufangen, was „die innere Wahrheit“ in diesem Staat der Entrechteten war. Dass seine Sätze dabei manchmal zu Thesenträgern geraten, sei nicht verschwiegen.

          Als der Erzähler nach der Wende plötzlich auf ein paar alte Kollegen aus der versunkenen Welt trifft – sie hören, geistreiche Verspottung des Begriffs „Kollektiv“, durchwegs auf den anonymisierenden Namen „Tutti“ –, will er ein paar Ossi-Anekdoten hören, zum Beweis, dass das Land tatsächlich existierte. Er selbst definiert sich als „Bürge“, ausdrücklich nicht als „Bürger“ dieser DDR, ein Bürge, der vom „bedrückenden Gefühl der Gefühllosigkeit“ gelähmt ist und von der Vorstellung, „begraben zu werden, ohne beerdigt zu sein“. Lebendig tot waren seine Bürger, so die Diagnose, die der Roman suggeriert. Die Heimat bleibt ständig in ein irritierendes Zwielicht getaucht. Eine Schatten- und Trümmerwelt, aus der sich die Höhlenbewohner in der Unterwelt aber langsam befreien.

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