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: Kulturkampf der Frösche

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Die Projektion des Krieges der Menschen in das Reich der Frösche ist ein literarisches Motiv, das bis auf die vorklassische griechische Zeit zurückweist: Seit nämlich um 500 v. Chr. ein anonymer Autor die homerische Schlacht der Griechen und Trojaner in eine "Batrachomyomachia", einen "Froschmäusekrieg", verwandelte.

          Die Projektion des Krieges der Menschen in das Reich der Frösche ist ein literarisches Motiv, das bis auf die vorklassische griechische Zeit zurückweist: Seit nämlich um 500 v. Chr. ein anonymer Autor die homerische Schlacht der Griechen und Trojaner in eine "Batrachomyomachia", einen "Froschmäusekrieg", verwandelte. Damals war das Heldengedicht um die verfeindeten Könige Pausback und Bröselklau allerdings noch komisch-parodistisch gemeint.

          In vollstem heiligen Ernst wird das Thema der heroisch anstürmenden Amphibien nun vom katalanischen Autor Albert Sánchez Piñol aufgegriffen. Zunächst entwickelt sich sein phantastisch-parabolisches Froschepos allerdings aus einer realistisch erzählten Handlung aus der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen, aus dem Genre des historischen Abenteuerromans. Erzählt wird aus der Perspektive eines irischen Unabhängigkeitskämpfers. Als dieser feststellen muß, daß nach Vertreibung der britischen Fremdherrscher die eigenen Kampfgefährten sich als abscheuliche Despoten herausstellen, nimmt er enttäuscht einen Posten als Wetterbeobachter auf einer unwirtlichen Insel nahe der Antarktis an. Er teilt sich die Einöde mit einem verwirrten österreichischen Leuchtturmwächter namens Battis Caffò.

          Bereits die erste Nacht auf der Insel jedoch markiert den Wechsel von der europäischen Eskapismusidylle hin zu einer Symphonie des Grauens. Statt den erhofften "Rausch der Stille", den der deutsche Titel irreführenderweise verspricht, erlebt der Ire einen Überfall von widerwärtigen Froschwesen aus den Tiefen des antarktischen Ozeans, die sein Häuschen zu stürmen und ihn mit ihren kalten, schwimmhautverwachsenen Fingern umzubringen suchen. In eine Notallianz gezwungen, kämpft das ungleiche irisch-österreichische Paar nun Nacht für Nacht mit Gewehrsalven und Sprengstoffattacken gegen die Invasion der Froschmenschen, deren Zahl trotz der Todesopfer stetig ansteigt.

          Erst als der Protagonist zufällig auf die unschuldig spielenden Kinder jener mörderischen Krieger stößt, beginnt er an der Monstrosität der Eindringlinge zu zweifeln, deren Intelligenz und Schönheit, ja erotische Reize zu entdecken. Schließlich meint er, in den fremden Wesen denselben Impuls wiederzuerkennen, der ihn in seiner früheren Existenz als Patriot antrieb: nämlich "daß die Ungeheuer um ihr Land kämpfen, das einzige Land, das sie haben". Er beginnt, "sich auf den Feind einzulassen". Die kalte Haut ("La pell freda", der Originaltitel des Buchs) der fremden Wesen verwandelt sich vom Inbegriff des Grauens zum Symbol des Respekts des Menschen vor einer Zivilisation, die einen eigenen Namen trägt: Citauca.

          In ihren wesentlichen Handlungselementen offenbart diese literarische Begegnung mit fremden Lebensformen, die noch nie ein menschliches Auge erblickte, eine unübersehbare Parallele zur Science-fiction. So wie gerade in den Zeiten des Kalten Krieges die phantastische Begegnung mit der Welt des Unbekannten aber immer auch die Maximen des eigenen Humanismusmodells spiegelte, so bildet auch bei Sánchez Piñol das "Sich-Einlassen" auf die fiktiven Wesen die Wunschvision von einem besseren Umgang mit den realen Menschen fremder und nur scheinbar feindlicher Kulturen ab.

          An der strukturalistischen Anthropologie und den postkolonialen Studien der letzten Jahrzehnte geschult, unternimmt Sánchez Piñol zugleich eine erzählerische Kritik des ,kolonialen Blicks' auf die Lebenswelt des anderen. "Wie man die Landschaft wahrnimmt, spiegelt gewöhnlich das wieder, was man in seinem Inneren verbirgt", heißt es bereits im ersten Kapitel. So wird das monstergebärende Meer der Antarktis von Anfang an zu einer Art Bruder des Ozeans von "Solaris", erweisen sich die mordenden "Ungeheuer" als bloße Projektion der eigenen Ängste ihres Beobachters. Wie bei Stanislaw Lem muß der Held schließlich die Notwendigkeit erkennen, "seine Optik zu ändern, wenn sein Leben und die Zukunft von dem Blick abhingen, den er auf den Feind richtet".

          Indes scheint Sánchez Piñol entschlossen, all das, was etwa bei Lem durch die poetische Kraft der Worte und der Bilder getragen wird, als explizite Thesen zu formulieren - sehr zum Nachteil seines Romans. So erscheint das ganze phantastische Szenarium letzten Endes als Parabel einer kolonialismuskritischen Theorie, erscheinen die Kämpfe zwischen den Inselinvasoren und den von ihnen animalisierten und diabolisierten Verteidigern des eigenen Lebensraums als simples Gleichnis auf weltpolitische Diskurse der Gegenwart, als Manifest gegen die These vom Kampf der Kulturen. Wenn am Schluß die einstigen "Ungeheuer" die besseren Menschen sind und der einsichtige Held dem verbohrt-imperialistischen Leuchtturmwärter zuruft: "Die haben vielleicht mehr Verstand als Sie!", dann ist das für den Leser schon so lange voraussehbar, daß dieser zentrale Satz hier nur noch als unnötiges Ausrufezeichen hinter einer omnipräsenten Doktrin erklingen kann. Hier droht die Literatur zum bloßen Vorwand einer humanistischen Idee zu werden.

          "Die Welt war endgültig ein vorhersehbarer Ort ohne Neuigkeiten", resümiert der Erzähler im letzten Absatz, bevor er das Buch entsprechend mit einem Sonnenuntergang enden läßt. Als Absage an den oft stereotyp weitergetragenen baudelaireschen Schlachtruf des Neuen mag dieser Satz seine Berechtigung haben. Nicht aber seine literarische Umsetzung: Ein endgültig vorhersehbarer Roman ohne Neuigkeiten kann auch nicht die Lösung des Problems sein.

          FLORIAN BORCHMEYER.

          Albert Sánchez Piñol: "Im Rausch der Stille". Roman. Aus dem Katalanischen übersetzt von Angelika Maas. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005. 256 S., geb., 18,90 [Euro].

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