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Buchpreis-Kandidat „Kintsugi“ : Es ist nicht alles Gold, was kittet

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Wenn in Japan ein Keramikobjekt bricht, wird es nicht weggeworfen, sondern die Risse werden mit einem Goldüberzug kaschiert. Dieses Verfahren heißt „kintsugi“. Bild: Shutterstock

Vom Reparieren der Liebe in unterschiedlichsten Formen: Miku Sophie Kühmels Roman „Kintsugi“ ist nicht nur für den Deutschen Buchpreis nominiert, sondern gilt auch als heißester Anwärter auf den Aspekte-Literaturpreis.

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          Die Scherbe zählt schon immer zu den semiotisch interessantesten Phänomenen des menschlichen Alltags. Selbst dort, wo sie vereinzelt auftritt, bedeutet sie uns, dass es noch mindestens ein anderes von ihr geben müsse. Scherben sind ein Versprechen auf Zweiheit, auf das Komplementäre, sind – um vielleicht allzu didaktisch zu werden – das Symbol aller Symbolik.

          Wenn Max, Juniorprofessor für Archäologie an einer Berliner Universität und einer der Protagonisten in Miku Sophie Kühmels Debütroman „Kintsugi“, seinen Studierenden in einer etwas archaisch anmutenden Vorlesungsszene eine zwei Zentimeter breite Tonscherbe als den einzigen Lohn ihrer harten Arbeit anpreist, dann verbirgt sich dahinter folglich mehr als das teutonische Pathos philosophischer Fakultäten. Wer der Scherbe dient, der glaubt daran, dass es Entsprechungen in dieser Welt gibt, ein Ganzes, von dem er oder sie selbst nur ein Teil ist. So erzählt man Liebe.

          Kühmels Roman, sowohl für den Deutschen Buchpreis nominiert als auch der wohl heißeste Anwärter für den Aspekte-Literaturpreis, lebt vom Spiel mit den Scherben. Heimlich, ohne es zu ahnen, sind seine vier Figuren verbunden durch eine japanische Teetasse, die immer wieder von neuem zu Bruch geht und immer wieder von neuem – aber immer durch jemand anderen – zusammengeklebt wird. Die Liebenden einen die Risse, die sie voreinander verheimlichen, die sich aber durch ihr aller Leben ziehen, in feinen Verästelungen noch die Zimmerdecke des Wochenendhauses verzieren, unter der sie sich begegnen.

          „Sie“, das sind Max und sein Lebensgefährte Reik – ein gut gehandelter Künstler –, Reiks erste Liebe Tonio sowie Tonios Tochter Pega. Jede dieser Figuren darf einmal vom Leben in der Scherbenwelt erzählen, und es versteht sich von selbst, dass es dabei stets um Vertrauen und Misstrauen gehen wird, um die stillen, kaum wahrnehmbaren Übergänge von Freundschaft und Leidenschaft, um Eifersucht – und Lust.

          Kühmels Wahlverwandte lieben und leiden freilich meist im Stillen. Wohl erspüren sie, dass die Dinge im Schwange sind, dass sich alte Empfindungen nicht ohne weiteres nach neuen Realitäten richten, dass aus Vätern wieder Liebhaber werden könnten und aus einer gemeinsamen Ziehtochter wiederum die Geliebte eines der Väter. Aber eben: Diese Menschen verharren auf der Schwelle, sie sprechen von den Möglichkeiten zwischen ihnen, aber sie leben sie nicht. Stattdessen richtet sich die Aufmerksamkeit auf all das, was ohnehin nie ganz glatt war: Die Vita, die abwesenden Väter, die Mütter – entweder in Sucht oder Selbstverwirklichung aufgegangen –, die Deformationen, aus denen heraus man in Beziehungen stolpert oder die man in die Beziehungen mit hinübernimmt.

          Miku Sophie Kühmel: „Kintsugi“.

          „Kintsugi“ nimmt sich viel, sehr viel Zeit für diese bisweilen redundanten Erzählungen. Originalität ist hier freilich nicht das Gesuchte, geht es doch um Strukturen: Wie sich in der Teetasse noch vor ihrem Zerbrechen „ein Geflecht der kleinen Versehrtheiten“ findet, „das sich mit jedem Aufguss vertieft“, so speisen sich auch die Verhältnisse zwischen den Menschen aus ihren Verwundungen, mit denen sie nach und nach verwachsen. Wer keine Liebe kennt, der entwickelt dann – wie Reik – eine „Sucht danach, geliebt zu werden“, die zwangsläufig größer wird als die Liebe, die er zu geben hat. Mit den erwartbaren promiskuitiven Folgen.

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