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Buchpreis-Kandidat „Kintsugi“ : Es ist nicht alles Gold, was kittet

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Die Gesetze, die dieser Roman etabliert, sind zweifelsohne psychologistischer Herkunft. Das ist nicht zwangsläufig von Vorteil, denn ebendieser Psychologismus verantwortet nicht nur eine Reihe bisweilen etwas bemühte Topflappensentenzen à la „Hilflosigkeit verdoppelt sich, wenn man sie nicht teilen kann“ oder „Ihr gönnt euch einfach selbst nicht glücklich zu sein“, sondern auch eine seltsam klischierte und in ihrer Unterkomplexität mit den Charakteren kaum zu vereinbarende Vater-Tochter-Beziehung. (Diese gipfelt im gebrüllten Verdikt „Du hast keinen Sex“, das sich wiederum auf die Feststellung „Du bist meine Tochter!“ gründet – da braucht es nun wirklich keinen Familientherapeuten mehr.)

Zu bedauern ist dies nicht zuletzt, weil es Kühmel durchaus vermag, ihre vier Erzählstimmen über längere Strecken stimmig zu konturieren, ein eigenes Vokabular, einen spezifischen Redestil und im Falle von Pega sogar deutlich erkennbare Schwächen im Bezug auf grammatikalisch korrekte Satzanschlüsse zu verleihen.

Warum aber wird gerade einem solchen Text, der sich weniger darüber definiert, was geschieht – nach zwanzig Jahren trennt sich das Paar Max und Reik feierlich –, als vielmehr darüber, wie er das Ungeschehene inszeniert, eine dermaßen große Aufmerksamkeit zuteil? Vordergründig zielen die Kommentare auf den Aspekt der Diversität, auf die Selbstverständlichkeit, mit der hier Homo-, Bi- und Heterosexualität generationsübergreifend wie nebeneinander auf engstem Raum gelebt und beschrieben werden.

Freilich täte man dem Roman schweres Unrecht, würde man ihn simplistisch auf die Thesenhaftigkeit seiner Figurenkonstellation, das „Aufwachsen mit drei Außenseitern“ reduzieren wollen. Tatsächlich materialisiert sich in ihm noch etwas ganz anderes, nämlich die Furcht vor den „sauberen Brüchen“, der „schriftlichen Division“, die Pega von ihren Vätern gelernt hat. Die Kunst des klaren Schnitts wächst bei Kühmel zu einem biographischen, wo nicht gesellschaftlichen Problem heran.

Man könnte aus den hier versammelten Lebensläufen problemlos auch die Geschichte der urbanen, also mittlerweile wieder dörflich-familial organisierten Mittelschicht erzählen, die sich zwischen den Kapiteln immer wieder zu kammerspielartigen Einlagen am gemeinsamen Küchentisch versammelt und ihr Befinden aushandelt. Dass diese Gemeinschaft geschichtlich ist, dass sie einen Anfang hat und ein Ende haben könnte (von dem die Prenzlauer-Berg-Romane Anke Stellings künden), dass die kreative Ausgestaltung ihrer Individualitäten womöglich zwischen unheilbaren sozialen Brüchen eingelagert sein könnte – das sind die Urängste, die zum Frühstück und Abendessen in diesem Milieu mit am Tisch sitzen.

Ein Dingsymbol, an das man glauben möchte

Im kintsugi, womit man im Japanischen „das Kunsthandwerk, zerbrochenes Porzellan mit Gold zu reparieren“, bezeichnet, stellt Kühmels Liebesexperiment der aufkeimenden Katastrophik dieses Lebensgefühls nun eine Selbstvergewisserung entgegen. Wo Adorno einst erkannt hatte, dass der „Ausdruck des Geschichtlichen an Dingen ... nichts anderes als der vergangener Qual“ ist, so glänzen hier am Ende „die Splitter, die Brüche“ der Teeschale, „das Gold wie Adern aus Licht“, bleibt immer noch der Schein „schlichter Eleganz“, der Balance, von denen sich der Scherbensucher Max „mehr Halt“ in seinem Leben verspricht. Dem Arrangement mit der Lüge der Geborgenheit, der vermeintlichen Unmöglichkeit echter Schnitte und scharfer Trennungen stiftet dieser Roman ein veritables Dingsymbol, an das man natürlich allzu gerne glaubt. Bei näherer Betrachtung aber – von Tasse wie Text – bleibt dann doch zu konstatieren: So schön es auch leuchten mag – das Ganze ist das Kaputte.

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