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Wer hier mitreden will, sollte sich schon auskennen: Die Berliner Feuerwehr im Jahr im Jahr 1931 bei der Präsentation ihrer größten und modernsten Feuerwehrleitern Bild: Georg Pahl/Bundesarchiv

Spätwerk H.M. Enzensbergers : Nur der Laie sagt dazu Rolltreppe

  • -Aktualisiert am

Ein Zeitkritiker mit ungebrochener Produktivität: Hans Magnus Enzensberger fügt seinem Spätwerk „Eine Experten-Revue in 89 Nummern“ hinzu. Lohnt das Buch die Lektüre?

          All die Verallgemeinerungen, all das Herumgemeine und Globalerklären – was für ein vergebliches, den Bedingungen der Zivilisation unangemessenes Treiben! Um dies zu erkennen, muss man nicht einmal den hyperkomplexen Bereich der Politik berühren. Wer sich irgendwie gehaltvoll äußern möchte über, sagen wir, Hemdkragen, sollte zunächst einmal die basalen Unterschiede studieren zwischen „Hai“ und „Windsor“, „Kent“ und „Kent, lang“. Dasselbe gilt für die Feuerwehrleiter, die es als solche natürlich gar nicht gibt: Wer nicht zumindest Stufen-, Anlege-, Klapp-, Podest- und Teleskopleitern auseinanderhalten kann, wird sich vor echten Kennern zwangsläufig blamieren.

          Nicht allein den Experten für Herrenoberbekleidung und Feuerwehrausrüstung widmet Hans Magnus Enzensberger sein neues Buch. Es enthält insgesamt 89 kurze Porträts von Spezialisten aus unterschiedlichsten Disziplinen, Epochen und gesellschaftlichen Teilbereichen – vom Tresorerfinder zum Mathematiker, vom Bierdeckelsammler zum Namenskundler, vom Tonmeister zum Eulenkenner. Doch interessieren Enzensberger seine Experten nicht in erster Linie in ihrer Kuriosität, die sich aus der Einseitigkeit ihres Interesses für den Außenstehenden ergeben mag: „Wann genau der erste Bieruntersetzer hergestellt wurde, wird sich wohl niemals ganz klären lassen“ – mit diesem liebenswert-lustigen Satz zitiert Enzensberger eine gewisse Martina Berg, die sage und schreibe fünf Bücher verfasst hat über die „Archäologie ihres Lieblingsobjektes“.

          Eine Würdigung des Spezialisten

          Vielmehr repräsentieren die Experten für ihn das Erfolgsrezept der menschlichen Zivilisation schlechthin. Als geborene Mängelwesen seien die Menschen zwar nicht in der Lage, alles zu können, wohl aber, in bestimmten Bereichen erstaunliche Fähigkeiten zu erlangen und somit kooperativ die nichtmenschliche Welt zu beherrschen. Im Spezialisten verkörpert sich, mit einem anderen Wort, das Prinzip der Arbeitsteilung. Entwickelt wird diese Theorie in einem den Porträts vorangestellten Dialog zwischen einem „Unzufriedenen“ und der personifizierten „Natur“. Drei „Experten für das Expertentum“ werden dabei als Impulsgeber genannt, deren Namen zwar ungenannt bleiben, aber aus dem Zusammenhang erschlossen werden können; es handelt sich um Bernard Mandeville, Adam Smith und Karl Marx.

          „Eine Experten-Revue in 89 Nummern“ von Hans Magnus Enzensberger

          Bei all dem geht es Enzensberger nicht allein um eine Beschreibung, sondern immer wieder auch um eine Würdigung des Spezialisten, so etwa im Falle des Hamburger Concierge Lutz Jöhnke, der es in seinem Beruf zu einem Experten in der Erfüllung von Gästewünschen gebracht habe. Wer sprach je öffentlich von diesem Mann und seiner Kunst? Während Enzensberger in solchen Passagen das Kleine groß machen will, zielt er in anderen Kapiteln darauf, an die Kennerschaft vergangener Zeiten zu erinnern. In einem Stück geht es beispielsweise um „das Handwerk des klassischen Henkers“, dessen Ausbildung, man ahnt es nicht, durch eine „Meisterprobe“ abgeschlossen wurde: „Dabei mußte dem Verurteilten unter der Aufsicht eines Meisters der Kopf abgeschlagen werden. Dann bekam der Henker seinen Meisterbrief und konnte auf eine feste Anstellung hoffen.“ Wer wüsste heute noch etwas von der Formalität und Professionalität in diesem Bereich des Inhumanen?

          Aber auch die Spleenigkeiten und Absurditäten von Expertendiskursen kommen bei Enzensberger zur Geltung. So referiert er in einer „Nummer“ seiner „Revue“ die unterschiedlichen und durchaus widersprüchlichen Positionen, die katholische Gelehrte im Streit um den Limbus, die Vorhölle, eingenommen haben – und zeigt somit auf performativem Wege, worum es in dieser Debatte von Beginn an eigentlich ging, nämlich um eine bloße „Hypothese“ (so die Formulierung des von Enzensberger herbeizitierten Kardinal Ratzinger). Wieder andere Kapitel sind in ihrer Kritik sehr viel unverhohlener, etwa wenn es um die heutigen Flughäfen als Sphären der Kontrolle und des Konsums geht, deren Einrichtung durch eine ganze „Phalanx an Experten“ bewerkstelligt worden sei. Seine mit Detailinformationen gespickten Ausführungen beschließt Enzensberger mit einer dialektischen Volte: „Der Gang zu Fuß muss im Vergleich dazu als Triumph der Zivilisation gelten.“

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