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Kristof Magnusson: Das war ich nicht : Für eine Handvoll Erdnüsse mehr

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Bild: Verlag

Wer hat, muss nicht haben: In seinem famosen zweiten Roman „Das war ich nicht“ sieht Kristof Magnusson die Krisen des globalen Finanzmarktes kommen und gehen.

          Wer hätte in den letzten Jahren nicht ein bisschen den Überblick verloren bei all den Immobilien-, Devisen-, Finanzmarkt-, Weltwirtschaftskrisen? Den Aktien- und Kunstmarktblasen, die zum Beispiel der Milliardenbetrüger Bernard Madoff oder der kapriziöse Kunsthändler Charles Saatchi steigen ließen? Und dann war da noch Nick Leeson, jener skandalumwitterte Vorbote all dieser Katastrophen, ein Bürschchen von knapp dreißig Jahren mit vorgeblich goldenen Händen, der an der Börse von Singapur erst für enorme Gewinne und alsbald für enorme Einbußen sorgte. Der skrupellos gierige Börsenmakler trieb die ehrwürdige Londoner Barings Bank mit Fehlspekulationen und einem Minus von über einer Milliarde Dollar in den Ruin. Als der Schwindel 1995 aufflog, floh er und wurde auf dem Frankfurter Flughafen festgenommen. An seinem Arbeitsplatz fand man einen Zettel mit den Worten „Es tut mir leid.“

          Ähnlich lapidar klingt der Titel des zweiten Romans von Kristof Magnusson, „Das war ich nicht“. Ohne jeden Hauch von Doku-Drama wirkt das Buch auf intelligente Art ein wenig wie von Leesons Aufstieg und Fall inspiriert – durch die strukturellen Analogien, die rein auf Profitmaximierung orientierte Finanzsysteme verbinden, und durch das Verhalten ihrer Angestellten, die sich der Kapitalbranche mit Tricks und Tücken zugunsten ihrer Bonus-Zahlungen und ihrer Dienstherren zu bedienen wissen. Diese Geschäftswelt mit ihrem rigiden Werteraster ist mehr als eine Folie, vor der Kristof Magnusson seine Protagonisten in Bewegung setzt. Sie evoziert stets eine komplexe Kraft, die die Menschen herausfordert und gegen die sie sich notfalls wehren müssen.

          Popkutur und isländische Mythen

          Disparate Elemente stützten bereits in seinem ersten Roman, „Zuhause“ (2005), das Handlungsgerüst. Darin verschränkte der 1976 in Hamburg geborene, deutsch-isländische Autor so geschickt wie amüsant heutiges popkulturelles Lebensgefühl mit uralten skandinavischen Mythen, um seine ansonsten versteckt fremdelnden Figuren hin und wieder vorsichtig heimisch werden zu lassen. Magnusson hat ein hervorragendes Gespür für unterschiedliche soziale Milieus und vermag sie mit ihren oftmals kauzigen, warmherzig genau gezeichneten Repräsentanten plastisch darzustellen. Auch in seinen Theaterstücken, etwa den Komödien „Der totale Kick“ (2001) oder „Männerhort“ (2003), führt er die Personen gern aufs spaßig-geistvoll verschachtelte Glatteis und lässt das Publikum lieber mit ihnen statt über sie lachen. Als Komödiant ist Magnusson ein Menschenfreund, als Satiriker ein Sympathisant, als Schriftsteller ein entspannt-treffsicherer Wahrscheinlichkeitsrechner.

          Die Hürde des zweiten Romans, an der bekanntlich schon viele talentierte Debütanten scheiterten, meistert er nicht nur souverän, er beeindruckt überdies durch seine künstlerische Weiterentwicklung. Thematisch beweist der ausgebildete Kirchenmusiker ein gutes Gehör für aktuelle Zeitströmungen: „Das war ich nicht“ dachte er sich vor der Finanzmarktkrise und vor der Insolvenz von Lehman Brothers oder Arcandor aus. Doch selbst nach diesen öffentlich gewordenen ökonomischen Debakeln kann das Buch seine solid recherchierte und gekonnt aufbereitete Substanz behaupten. Es erhellt die für Laien kaum verständlichen wirtschaftlichen Vorgänge nicht bloß, sondern schildert sie derart spannend, lustig und leicht, dass die abstrakten Ziffern- und Zahlenkolonnen, die als Synonyme für das ewige Kaufen und Verkaufen, Handeln und Wandeln über die Monitore der Händler laufen, eine sinnliche Dimension von Reichtum und Macht entfalten: Der ganz legale Börsenhandel entpuppt sich auf nachvollziehbare Weise als das suchterzeugende Hasardspiel, das er vermutlich unter anderem auch ist.

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