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Kristine Bilkaus „Nebenan“ : Das Weite suchen

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Ein Bett im Rapsfeld ist nicht immer frei. Aber die literarische Flucht aus der Stadt dauert an. Bild: Picture Alliance

Provinzgeschehen, von Städtern besehen: Kristine Bilkaus Roman „Nebenan“ bestätigt den Trend zur Dorfliteratur durch beiläufig-unspektakuläres Erzählen. Hat gerade das auch seinen Reiz?

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          Der Dorfroman hat seinen Bestand gegenläufig zum Bestand der Dorfbevölkerung solide vermehrt. Es gibt derzeit so viele Dorfromane, dass man schon von einer poetischen Aufforstung ganzer Landstriche sprechen kann. Fast immer begegnen einem darin zu Dörflern gewordene Städter, die in einen Kosmos aus inneren Problemen des Städters und äußeren Problemen des Dorfs hineinführen. Es sind die Themen der Zugezogenen (Sinnsuche, Nachhaltigkeit, Rückzug), die sich den Problemen der Dagebliebenen (Leerstand, Arbeitslosigkeit, Wegzug) aufpfropfen – oder die sich in denen des Dorfs spiegeln. Die Widersprüchlichkeit der städtischen Wünsche bringt die Sache dabei zum Vibrieren. Das Weite suchen und die Enge ­finden! Sich losreißen und nach Wurzeln graben! Einerseits. Andererseits. Der Dorfroman lebt vom inneren Zwist.

          Autoren, die uns zuletzt das Dorf auf diese Weise nahegebracht haben, sind: Angelika Klüssendorf, Juli Zeh, Christoph Peters, Jan Brandt, Kerstin Preiwuß, Lola Randl, Lisa Kreißler, Judith Hermann, Saša Stanišić, Verena Güntner. Nun hat Kristine Bilkau dem einen Roman hinzugefügt. Sie hat ihn „Nebenan“ genannt. So lapidar, wie auch Judith Hermann ihren Roman von 2021 „Daheim“ genannt hatte. Juli Zehs Dorfroman aus dem gleichen Jahr hieß „Über Menschen“, Jan Brandts Roman über sein ostfriesisches Heimatdorf einfallslos „Ein Haus auf dem Land“. Man merkt schon an der Titelwahl, dass man es hier mit den Kapriolen der Phantasie, den Ornamenten der Sprache und überhaupt mit dem ganzen Originalitätszwang des städtischen Beobachters eher sachte angehen lassen möchte.

          So ist es auch in „Nebenan“ – einem Roman aus dem Schleswig-Holsteinischen, der sich zu seinen existenziellen Sujets wie die reinste Nebensache verhält. Will heißen: Alles bleibt angedeutet, vage, atmosphärisch. Passiert etwas, wird es nicht groß ausgeschmückt. Ge­rade darin liegt aber der Schlüssel zur Pointe.

          Kristine Bilkau: „Nebenan“. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2022. 288 S., geb., 22,– €.
          Kristine Bilkau: „Nebenan“. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2022. 288 S., geb., 22,– €. : Bild: Luchterhand Literaturverlag

          Gleich zu Beginn wird die Ärztin Astrid, die in der nah gelegenen Kreisstadt seit Jahrzehnten eine Praxis betreibt, zu einem Einsatz gerufen. Eine tote Frau liegt in der Badewanne. Ihr Mann, der unten fernsah, bemerkt ihr Fehlen erst Stunden später und verständigt die Polizei. Astrid findet Quetschungen an den Handgelenken der Frau. Vielleicht eine Familientragödie, wie es immer so schön in den Nachrichten heißt? Wir erfahren es nicht. Aber die Tote und ihr Mann werden uns noch öfter heimsuchen in diesem Buch. In Gestalt von Drohbriefen, die Astrid seit einiger Zeit erhält. Vom Mann der Toten?

          Kristine Bilkau legt viele Fährten in „Nebenan“. Man folgt ihnen ein bisschen, verliert die Spur, schaut auf etwas anders, schaut wieder weg auf etwas Neues. Der Text spielt mit dem dramatischen Potential der Dinge, ohne es auszuschöpfen. Gerade dadurch weckt er unser Interesse. Doch kann er es auf Dauer auch wachhalten?

          In „Nebenan“ erzählt Bilkau abwechselnd aus dem Leben der einheimischen Astrid und der zugezogenen Julia, die eine kleine Töpferei betreibt. Die eine ist dreifache Mutter kurz vor der Rente, die andere mitten in der Kinderwunschbehandlung. Beide Frauen sind verheiratet. Astrid mit dem pensionierten Lehrer Andreas: „Sie hat keine Ahnung, wie viele Stunden er mit BBC, CNN und den Bundestagsdebatten auf Phoenix verbringt. An manchen Tagen vier bis fünf, nein wahrscheinlich sogar das Pensum eines ganzen Arbeitstages.“ Julia ist verheiratet mit dem Umweltschützer Chris: „Wenn es okay ist, würde ich kurz ins Institut fahren, von da kann ich die Drohne holen und hier Aufnahmen machen, be­vor sich das Wetter vielleicht wieder verschlechtert.“

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