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: Kreuzfahrt auf einem Sargschiff

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Die Kartoffelpest des neunzehnten Jahrhunderts ist für die Iren das, was für die Deutschen die Vertreibung übers Eis war. Inventarisiert man die Gründe, darüber keinen Roman zu schreiben, so tauchen auf der Liste ähnliche Begriffe auf wie in der deutschen Diskussion, Schuld, Scham und der wohlmeinende Versuch, dem Gegner von damals einen Affront zu ersparen.

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          Die Kartoffelpest des neunzehnten Jahrhunderts ist für die Iren das, was für die Deutschen die Vertreibung übers Eis war. Inventarisiert man die Gründe, darüber keinen Roman zu schreiben, so tauchen auf der Liste ähnliche Begriffe auf wie in der deutschen Diskussion, Schuld, Scham und der wohlmeinende Versuch, dem Gegner von damals einen Affront zu ersparen. Die Liste der Sachbücher zur irischen Hungersnot ist lang, die literarischen Texte dagegen kann man an einer Hand abzählen, Liam O'Flahertys "Famine" (1937) gehört dazu sowie ein Bühnenstück von Tom Murphy. Nun ist Joseph O'Connor, Jahrgang 1963, mit einem Roman zur Hungersnot an die Rampe getreten. O'Connor, den man dem Alter und dem Talent nach zum Mittelbau der zeitgenössischen irischen Autoren rechnen darf, ist bislang durch leichtere Ware ("Der Verkäufer", "Cowboy und Indianer", "Inishowen Blues") wenig auffällig geworden.

          Seinem neuen Roman, "Star of the Sea", auf deutsch "Die Überfahrt", war die Aufmerksamkeit der angelsächsischen Welt gewiß, nicht zuletzt weil O'Connor den Bogen von Irland über England bis nach Amerika spannt. Sein Roman handelt von der Atlantiküberquerung eines jener Schiffe, die den traurigen Beinamen "coffin ship" trugen und von deren Passagieren nur ein Bruchteil Amerika erreichten, den Rest erledigten unterwegs der Hunger und der Typhus. Heute hat die Katastrophe ihre Zahl: Eine Million Iren starb in den Hungerjahren 1845 bis 1849 im Land, eine weitere Million hatte Irland verlassen. Die Bevölkerung sank zwischen 1845 und 1851 von 8,5 auf 6,5 Millionen; ein Massensterben von Zivilisten, das im Europa des neunzehnten Jahrhunderts seinesgleichen sucht.

          In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, daß O'Connor die gängigen Positionen der Debatte im wahrsten Sinne des Wortes umschifft. Er ignoriert vor allem die Frage, ob man den Engländern die Alleinschuld an dieser Katastrophe geben darf oder nicht. Bei O'Connor wird die Hungersnot zu einem dramatischen Tableau, vor dem sich allerhand Menschliches abspielt. Die nationale Katastrophe nimmt den Weg zur Folklore, als Ort der exemplarischen Verdichtung dient die Schiffskabine. Da zwängen sich der Grundbesitzer, das Kammermädchen, die Edeldame, der Romancier, der Kapitän, der vertriebene Bauer sowie unter Deck Hunderte namenloser Passagiere zusammen.

          Die Namen der Versammelten lesen sich wie ein who's who des irischen Historienromans - doch damit nicht genug. O'Connor gibt seinen Figuren delikate und sich überkreuzende familiäre Beziehungen mit auf dem Weg, um so seinen handlungsbetonten Roman voranzutreiben. Der Bösewicht Pius Mulvey ist unterwegs, um den Landlord Merredith zu ermorden, welcher eine Liebesbeziehung zu dem Landmädchen Mary Duane hatte, die sich als seine Halbschwester entpuppt und längst ein Kind von Mulvey bekommen hat, der sie aber sitzenließ. Lord Merredith liebt Mary Duane zwar noch immer, verharrt aber in einer freudlosen Ehe mit Laura Markham, welche noch vor Beginn der Überfahrt mit dem mäßig talentierten amerikanischen Journalisten Dixon angebandelt hat.

          Die Konstruktion hat O'Connor beim viktorianischen Roman abgeschaut, vor allem an Emily Brontës "Sturmhöhe". Es ist durchaus eine hübsche Fußnote der Literaturgeschichte, daß man in dem Waisenkind Heathcliff einen irischen Hungerflüchtling erkannt hat. Ausgehend davon und von der Tatsache, daß "Wuthering Heights" 1847 erschien, in jenem Jahr, da die Hungersnot ihren Höhepunkt erreichte, konstruiert O'Connor ein literarisches Verwirrspiel, das zur Hommage an die große englische Autorin wird.

          Gleich zwei Figuren tragen Namen, die auf Brontë verweisen: der Kapitän Lockwood sowie der Londoner Verleger T. C. Newby, welcher "Sturmhöhe" unter dem Pseudonym Ellis Bell verlegte. In O'Connors Roman lehnt der fiktive Newby einige Kurzgeschichten des Amerikaners Grantley Dixon ab, erklärt sich aber später bereit, dessen Reiseerinnerungen zu publizieren. Demnach ist Newby der Herausgeber und Dixon der Erzähler dieses Romans, in dessen Beobachtungen auch das Logbuch des Kapitäns aufgegangen ist, welcher sich nach gelungener Überfahrt zur Ruhe setzt, um an den Küsten von Connemara Gutes zu tun.

          Diese dreifache Autorenschaft soll natürlich Zweifel an der Zuverlässigkeit der Erzählung streuen. O'Connor verfolgt das Thema der Urheberschaft ganz explizit; einmal sogar, indem er Charles Dickens einen Gastauftritt gewährt. Der Großmeister recherchiert in einer Londoner Spelunke und läßt sich dabei von Pius Mulvey einen gewaltigen Bären aufbinden. Solche Details machen dem Leser zwar durchaus Spaß, vermögen aber nur kurzzeitig von der Schwäche dieses Romans abzulenken: Ein seichter Plot bleibt ein seichter Plot, egal wie viele Schirme die fiktiven Herausgeber dazwischenschieben. Und als hätte O'Connor seinen eigenen Spekulationen nicht getraut, entwirrt er auf den letzten Seiten mit Akribie auch noch den letzten Handlungsfaden, er verfolgt sogar seine Heldin Mary Duane in den hintersten Winkel Amerikas. Da war ein Autor mit buchhalterischem Erzähleifer am Werk. Auf den großen Roman zur irischen Hungersnot wird man weiter warten müssen.

          TANYA LIESKE.

          Joseph O'Connor: "Die Überfahrt". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003. 445 S., geb., 19,90 [Euro].

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