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: Kopflaus Gottes im welthistorischen Schlachtengetöse

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Leichthändig ordnet Stolleis die Texte zu vier Kapiteln, von denen gleich das erste jene Verknüpfung von Alltagsweisheit, philosophischer Reflexion und juristischer Praxis vorführt, auf die seine Sammlung ausgerichtet ist. "Von Ohrfeigen" handelt es und beginnt mit der kürzesten dieser Kurz-Geschichten: "Ein Büblein klagt seiner Mutter: ,Der Vater hat mir eine Ohrfeige gegeben.' Der Vater aber kam dazu und sagte: ,Lügst du wieder? Oder willst du noch eine?'" Das war's schon; und der doppelte Blick des Literaten und des Juristen erkennt in dieser komischen Miniatur nicht nur das sprachphilosophische Spiel mit dem performativen Paradoxon, sondern auch die handfeste "moralische Hinrichtung eines autoritären Vaters", einen exemplarischen Rechtsfall in der Kinderstube.

Mit Hebel zeigt Stolleis, wie man "richtige Schlüsse aus falschen Prämissen" zieht, und mustert schließlich Geschichten "Von Advokaten und Richtern". Auch "Das Rauschen der Zeit" macht er wieder hörbar, das vielleicht meistuntersuchte aller Hebelschen Themen: wie der große Gang der Weltgeschichte und die kleinen Alltagsbegebenheiten sich in- und gegeneinander drehen, wie die Kreise der Natur in sich zurückzulaufen scheinen und sich, in diesen Kalendergeschichten eines frommen Lutheraners, jederzeit der Blick auf den Horizont der Ewigkeit öffnen kann. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus über Hebels vertrackte Logik, seine ungeheuren Zeitsprünge und -raffungen, die berühmten und noch immer verblüffenden Brüche mitten im Satz. "Denn als man ihn auf dem Kirchhof ins Grab legte, sagte sie: ,Schlafe nun wohl . . .', sagte sie, als sie fortging, und noch einmal umschaute": Nur in der kunstreich verkehrten Syntax, im Einswerden des zeitlichen Nacheinander, erscheinen da der Schatten des Todes und das Jenseits der Zeit.

Sie erscheinen auch jenem Matrosen, der sich mitten in der Schlacht von Trafalgar bückt, um eine Laus zu zerdrücken, und so der Kanonenkugel entgeht, die ihn zerschmettert hätte. Überrascht hebt er das kleine Tier wieder auf - "schonend", wie der Erzähler hinzuzufügen nicht versäumt - und setzt es zur Belohnung auf seine Kopfhaut, mit der trockenen Bemerkung: "aber laß dich nicht zum zweitenmal attrapieren, denn ich kenne dich nimmer". Stolleis bemerkt, daß dieser Schlußsatz nicht etwa die mögliche Wut über künftige Bisse vorwegnimmt, sondern bloß feststellt, was der Fall ist: daß nämlich im Heer der Kopfläuse die eine Retterin leider nicht mehr identifizierbar sein wird und daß sie deshalb fortan allein auf sich achthaben müsse, daß also die schützende Dankbarkeit nicht nur moralische, sondern auch ontologische Grenzen habe. Und er zeigt, wie Hebels Bericht von diesem ganz kleinen und stillen Ereignis inmitten des welthistorischen Schlachtgetöses eigentlich von einem "Wink Gottes" erzählt, für den sich der Matrose empfänglich gezeigt hat. Stolleis formuliert das so unaufdringlich wie möglich: "Der Text sagt es nicht, aber er enthält eine weiße Fläche, auf der Gott erscheinen könnte. Gott, dem kein Mittel zu gering ist, auch nicht eine Laus." So gerät der Leser, am Faden eines fast beiläufigen Kommentars, in die Mitte von Hebels Theologie.

Oft antwortet Stolleis auf Hebels ruhigen Ton mit so schönen und knappen Formulierungen. Seiner Aufforderung zur langsamen Lektüre kommt man um so leichter nach, als der Band mit nur gut hundert Seiten ganz in Hebelschen, also menschenfreundlichen Größenordnungen bleibt. "Es ist ein Beispiel, bei dem man Gedanken haben kann", kommentiert der Hausfreund eine seiner Geschichten. Es ist eine Einladung an alle, die gerne Gedanken haben: an die Kenner, die Kannitverstans und die Kennischnets.

Michael Stolleis: "Der menschenfreundliche Ton". Zwei Dutzend Geschichten von Johann Peter Hebel mit kleinem Kommentar. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2003. 106 S., br., 14,90 [Euro].

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