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: Kopflaus Gottes im welthistorischen Schlachtengetöse

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Daß von Johann Peter Hebel einige der schönsten und unergründlichsten Prosastücke der deutschen Sprache stammen, ist so oft gesagt worden, daß die Vergeßlichkeit der Nachgeborenen schon etwas Verblüffendes hat. Goethe und Jean Paul haben Hebel bewundert, Tschechow und Tolstoi, Canetti, Bloch und ...

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          Daß von Johann Peter Hebel einige der schönsten und unergründlichsten Prosastücke der deutschen Sprache stammen, ist so oft gesagt worden, daß die Vergeßlichkeit der Nachgeborenen schon etwas Verblüffendes hat. Goethe und Jean Paul haben Hebel bewundert, Tschechow und Tolstoi, Canetti, Bloch und Benjamin; Brecht hat von ihm gelernt, und Kafkas Entstellungen des Vertrauten fanden in Hebel einen Anreger und Meister. Im Bewußtsein vor allem jüngerer Leser aber ist heute von diesem Wissen, aller Kanonisierung zum Trotz, wenig geblieben. Gewiß, so wunderbare Geschichten wie die von "Kannitverstan" oder vom "Unverhofften Wiedersehen" am Bergwerk zu Falun haben seit langem selbst lustlosen Deutschschülern eine Ahnung gegeben von den Abgründen der Sprache und des an sie gebundenen Welt- und Selbstverstehens, von den wechselhaften Verhältnissen von Groß und Klein und den sonderbaren Wegen der Weisheit. Dennoch scheinen diese Meistererzählungen irgendwie aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Die "meisten von mir in Frankfurt befragten jüngeren Personen" jedenfalls, so teilt Michael Stolleis in seinem Hebel-Lesebuch mit, hätten auf den Namen "Kannitverstan" hin geantwortet: "Kennischnet."

          Mag sein, daß zu diesem Kenntnisschwund das Vorurteil des Behäbigen, ja Betulichen beigetragen hat, das diesen Kalendergeschichten so hartnäckig anzuhaften scheint wie ihrer halb fiktiven Erzählerfigur. Wer sich selbst als oberrheinischen "Hausfreund" vorstellt, wirkt fern, fremd, ein wenig altbacken - als könnten nicht Hebels Figuren zu unseren interessantesten Bekanntschaften gehören, angefangen mit diesem treuherzigen, listenreichen und immer ein wenig rätselhaften Erzähler selbst mit seiner eigensinnigen, in ihrer fingierten Mündlichkeit zugleich widerspenstigen und geschmeidigen Sprache.

          Man muß darum Michael Stolleis, dem großen Rechtshistoriker und Literaturliebhaber unter den Juristen, dankbar dafür sein, daß er auf den neuerlichen Mangel mit einem verführerischen kleinen Leseangebot antwortet. Aus nur zwei Dutzend Kalendergeschichten hat er ein kleines, feines Lesebuch zusammengestellt. Entspannt und unsystematisch entfaltet sich der "kleine Kommentar", mit dem dieser diskrete Moderator in Hebels weltoffenes, "menschen-freundliches, sanft-ironisches Papiertheater" einführt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, dafür aber mit der Aufmerksamkeit jenes geneigten Lesers, den Hebel erwartet und den er reich beschenkt (und mit nützlichen Verweisen auf die Hebel-Philologie).

          Manche halbverschütteten Schätze zieht Stolleis wieder ans Licht, häufiger aber wirft er neue Blicke auf alte Bekannte - etwa auf das "Unverhoffte Wiedersehen", Hebels kunstvollstes Sprach-Spiel mit Sein und Zeit, auf die Geschichte vom Juden im Sundgau, der sich mit humanem Witz gegen den Antisemitismus der "mutwilligen Büblein" zur Wehr setzt, oder eben die vom zwar märchenhaft reichen, aber trotzdem mausetoten Herrn Kannitverstan. Manche Kommentare begnügen sich beinahe mit vereinfachenden Paraphrasen - aber eben nur beinahe, denn auch hier eröffnen kleine Anmerkungen Seitenausgänge, durch die man in juristische Debatten geraten kann oder in Mozarts Serail.

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