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: Komm, lass uns tiefer gelangen!

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Es ist fünf Jahre her, da las die Berliner Schriftstellerin Julia Franck bei einem Literaturfest in einer Jurte am Potsdamer Platz. So eine Jurte ist ein heimeliger Ort: das Zelt mongolischer Nomaden, es soll jedem Wetter standhalten. Draußen stürmte es aber nicht, es plärrten Megafone. Und drinnen las Julia Franck, damals Anfang dreißig, eine Erzählung über den Trauerfall in einer Familie.

          Es ist fünf Jahre her, da las die Berliner Schriftstellerin Julia Franck bei einem Literaturfest in einer Jurte am Potsdamer Platz. So eine Jurte ist ein heimeliger Ort: das Zelt mongolischer Nomaden, es soll jedem Wetter standhalten. Draußen stürmte es aber nicht, es plärrten Megafone. Und drinnen las Julia Franck, damals Anfang dreißig, eine Erzählung über den Trauerfall in einer Familie. Sie las von blutigem Lamm und saurer Milch und dem süßen Geruch des Todes, und während sie da saß und las, artikuliert und fehlerfrei, kam einem irgendwann der Gedanke, dass diese Autorin zwar von unappetitlichen und traurigen Dingen schrieb, die aber in so feine, wohlgeformte Worte fasste, als wollte sie das Unappetitliche, Traurige entsorgen: in einer Sprache, die aufgeräumt war, sauber und warm, die einen schützte vor dem, was da an Lärm und Unglück und Realität heranstürmte. Wie eine Jurte eben. Julia Franck hat dann auch nicht gesagt, dass sie die Geräusche vor dem Zelt nervten, sondern, dass es "so zerstreuend" wirke, nicht zu wissen, woher sie kamen. Also erklärte sie es: Am Potsdamer Platz wurde demonstriert.

          Und liest man jetzt Julia Francks neuen Roman "Die Mittagsfrau", fällt es einem sofort wieder auf, dieses Phänomen wattierter Beschreibung. Mag das Buch auch von Missbrauch, Qual und Vergewaltigung erzählen, von Beinstümpfen, Sex, Tod und Geburt, den Weltkriegen, Euthanasie und Judenmord - die Sprache verliert nie die Contenance. Hält den gleichen gewählten Ton, 430 Seiten lang, und mit jeder einzelnen irritiert das mehr. Nicht, weil die Sprache, in der Julia Franck ihre Familiengeschichte erzählt, einfach nur unzeitgemäß wäre - diese Kunstsprache nennt die Dinge nicht beim Namen. Es ist, als suchte Julia Franck für jedes Wort ein weniger gebräuchliches und elegischeres Synonym, um es dann mit angespitztem Bleistift hinzuschreiben.

          "Erbeuten" schreibt sie und nicht stehlen, "entrinnen" und nicht fliehen, "laben", nicht essen, "trunken" und nicht voll. Weint Helene, die Hauptfigur dieses historischen Romans, dann "entkamen Tränen ihren Augen". Bringt sie ihr Kind zur Welt, dann will sie es nicht ansehen, sondern "einen Blick erhaschen". Stehen Mutter und Sohn später im Wald, suchen Pilze und finden keine, dann gehen sie nicht einfach weiter ins Unterholz: "Sie mussten tiefer gelangen", schreibt Julia Franck, und spätestens da, gegen Ende des Romans, ist einem fast zum Lachen zumute. Stehen zwei im Wald, sagt der eine zum anderen: Komm, lass uns tiefer gelangen.

          Ist es kleinlich, so ins Detail zu gehen? Nicht bei einem Buch, das selbst von Sprechen und Schweigen handelt, davon, wie man den Dingen und den Menschen einen Namen gibt oder wieder nimmt. Zudem wird "Die Mittagsfrau" hoch gehandelt, ist ein Favorit für den Deutschen Buchpreis 2007, der an diesem Montag in Frankfurt verliehen wird und der auf historische oder Familienromane abonniert scheint. Beides ist Julia Francks neuer Roman und offenbar auch die Tagesform neuer deutscher Literatur, beides macht die Sache nicht leichter. Denn nicht nur, dass man Seite für Seite weitere kuriose Worte ("stibitzen", "kundtun", "Bubenstreich") oder ganze Sätze anstreichen kann ("Bergend legte sie ihre Hand um die Blüten, um die Luft der Blüten, die zu dicht war, ihren leichten Duft zu tragen"): Seite für Seite wird man auch immer ratloser, warum Julia Franck die Geschichte der Familie Würsich aus Bautzen überhaupt erzählt.

          Der Vater kehrt schwer gezeichnet aus dem Ersten Weltkrieg heim, die Mutter, eine Jüdin, ist nervenkrank und kühl zu Mann und Kindern. Die Töchter Martha und Helene fassen sich nachts unter der Bettdecke an, lesbische Liebe und Emanzipation sind Leitmotive des Buchs. Weil der Vater stirbt und die Familie verarmt, ziehen die Mädchen ins Berlin der Goldenen Zwanziger, zu Tante Fanny, die ein großes Haus führt und weiß, wie man Partys feiert. Helene verliebt sich in den Studenten Carl, er stirbt, als sie endlich heiraten wollen, sie strauchelt und fällt und heiratet Wilhelm, einen Ehrgeizling, Ingenieur und Nazi, der ihr falsche Papiere besorgt und ein Kind macht, das sie nicht wollte - denn so etwas hat sie längst nicht mehr, einen Willen. Und so schweigt sie den kleinen Peter an. Opfert sich auf als Krankenschwester für andere Patienten, aber nicht für ihren Sohn. Quält ihn teilnahmslos, täuscht ihn und schickt ihn, als die Russen kommen, zum Onkel väterlicherseits aufs Land - da ist sie ihn endlich los. Und Jahre später, als Helene ihn wiedersehen will, versteckt sich Peter vor ihr, eine Demütigung, ein kleiner Triumph, Emanzipation auch das. So endet der Roman: in Stille.

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