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Kolja Mensing: Die Legenden der Väter : Süß schmeckt nur der Mohn

Bild: Aufbau Verlag

Heldensuche: Kolja Mensing erforscht die Geschichte seiner Familie und entzaubert auf seiner Suche nicht nur „Die Legenden der Väter“.

          Auf das Kind wirkten die Erinnerungen des Vaters wie Berichte aus einem verzauberten Land, wenn er davon erzählte, wie er in der Tischlerei des Großvaters mit Holzresten spielte, Nägel sortierte und in Musterbüchern für Messingbeschläge blätterte. Von den Geschichten konnte das Kind nicht genug bekommen, weil es fest daran glaubte, dass ihm nichts passieren würde, "solange mein Vater mit seiner tiefen Stimme in wenigen Sätzen die Zeit seiner Kindheit heraufbeschwören konnte", schreibt Kolja Mensing. Dass es sich in Wahrheit um Geschichten eines zu Tode erschreckten Jungen in den fünfziger Jahren handelte, der in der Werkstatt des Großvaters Zuflucht suchte, wurde dem Sohn erst als erwachsenem Schriftsteller bewusst - aber dann auch gleich zum literarischen Stoff.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mehr als dreißig Jahre sollte Kolja Mensing die Erinnerungen seines Vaters mit sich herumtragen. Dann erst begann der 1971 in Oldenburg geborene Autor und Journalist sie zu erforschen. Was von dieser Dekonstruktion am Ende übrig bleibt, sind Märchen, Luftschlösser, Legenden, eben "Die Legenden der Väter", wie Mensing sein Buch genannt hat. Es ist kein Roman, der literarisch ambitioniert eine Familiengeschichte aufarbeitet, es ist auch kein Sachbuch über die polnische Besetzung des Emslands. Vielmehr trifft der Untertitel die Sache ziemlich genau: Tatsächlich ist es "Eine Suche", die Mensing mit Heidegger im Sinn unternimmt, wonach jedes Fragen zugleich ein Suchen ist.

          Von Polen nach Palästina

          Das erzählerische Fragen nach der eigenen Herkunft hat in diesem Herbst Konjunktur. Betrachtet man nur einmal die Romane von Josef Bierbichler, Jan Brandt oder Eugen Ruge, sieht man freilich ganz unterschiedliche formale wie reflexive Herangehensweisen an das große Thema Heimat. Der Journalist Mensing stellt sich in seinem Buch ganz in den Dienst der Recherche. Alles, was er erzählt, meint man beim Lesen, könnte sich tatsächlich so ereignet haben. Mensings Sprache, die sich zunächst eher zaghaft der Familie nähert, die durch die politischen Verwerfungen des zwanzigsten Jahrhunderts zerrissen wurde, ist klar, schnörkellos und von lautloser Trauer.

          Kolja Mensing ist sechs Jahre alt, als er den Namen Jósef Kózlik zum ersten Mal hört und erfährt, dass der Mann sein Großvater ist. Bald ranken sich die abenteuerlichsten Geschichten um den Polen, der im Krieg Fallschirmspringer war, von den deutschen Truppen desertierte, um über Palästina zu den britischen Truppen zu stoßen und in der berühmten Anders-Armee gegen die Deutschen zu kämpfen.

          Mit dem Verlust des Auges beginnt die Geschichte

          In Romanen, in denen es um Familien und ihre Geheimnisse geht, beobachtet Mensing, gebe es meist einen Moment, in dem der Erzähler, ausgelöst etwa durch die achtlose Bemerkung eines Verwandten oder ein zufällig wiederentdecktes Foto, plötzlich Einsicht in eine dunkle Vergangenheit erhält. Er selbst habe kein solches Erlebnis gehabt. Vielmehr habe stets alles offen zutage gelegen. Bloß habe er "das Geflecht von widersprüchlichen Geschichten und einzelnen, unverbundenen Erinnerungen einfach nur lange Zeit nicht hinterfragt".

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