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: König von Traumtata

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Er war ein Malerpoet aus einer anderen Zeit, der letzte Bohemien aus dem Künstlerdorf Worpswede, König von "Traumtata" und Kreuzberger Original. Die Heimat von Johannes Schenk (1941-2006) war das Meer, sein Lebensmittelpunkt der Mond: "Ach wie leicht ist das Leben in der Luft". An Land, auf dem harten ...

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          Er war ein Malerpoet aus einer anderen Zeit, der letzte Bohemien aus dem Künstlerdorf Worpswede, König von "Traumtata" und Kreuzberger Original. Die Heimat von Johannes Schenk (1941-2006) war das Meer, sein Lebensmittelpunkt der Mond: "Ach wie leicht ist das Leben in der Luft". An Land, auf dem harten Boden der Realität, wurde der gestrandete Seemann mit den weiten Hosen und dem breitkrempigen Hut nie heimisch. Mit vierzehn heuerte er als Schiffsjunge an, später schipperte er auf einem umgebauten Rettungsboot durch die Südsee, schlug sich als Gelegenheitsarbeiter und Patron seines Berliner "Sonntagscafés" durch; nach der Wende zog er sich immer öfter in einen Zirkuswagen in Worpswede zurück. In den sechziger und siebziger Jahren hatte Schenk mit Agitprop-Straßentheater und kraftvoller Underdog-Poesie Segel und Zeichen gesetzt. "Die Genossin Utopie" blieb die Galionsfigur seines Mondfischdampfers, auch, als literarisches Freibeutertum nicht mehr so gefragt war. "Wir Seeproleten hier unten": Das waren die blinden Passagiere, Schiffbrüchigen und Schiffsjungen im Unterdeck, die Huren, Trinker und Träumer in den Hafenbordellen, Luftschiffer, die vom Moor zu den Sternen flogen, Schausteller mit Hut und Herz. Schenks Gedichte, Theaterstücke und Erzählungen wirken heute so fremd wie Freddys Matrosenromantik, aber dank alter Freunde wie Klaus Schlesinger und Natascha Ungeheuer bekommt er jetzt endlich eine Werkausgabe. Der erste von acht Bänden versammelt das Logbuch seiner Seefahrerjahre, seine bezaubernden Kindheitserinnerungen an Worpswede, Kinderromane, Radio-Geschichten vom Luftbewohner Sirpopel und bislang unveröffentlichte Erzählungen. Schenk war kein deutscher Joseph Conrad; dafür ist seine Prosa doch wohl zu putzig, luftig und leicht. Er erzählt nicht von ernsten männlichen Bewährungsproben auf hoher See: Er knüpft robustes Seemannsgarn aus mondsüchtigen Träumen, Märchen und zirzensischen Kunststückchen. (Johannes Schenk: "Der Schiffskopf und andere Prosa". Wallstein Verlag, Göttingen 2008. 390 S., geb., 24,90 [Euro] .) hal

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